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Everybody's Fine

USA 2009. R,B: Kirk Jones. K: Henry Braham. S: Andrew Mondshein. M: Dario Marianelli. P: Cecchi Gori, Hollywood Gang, Miramax. D: Robert De Niro, Drew Barrymore, Kate Beckinsale, Sam Rockwell, Katherine Moennig, James Frain, Melissa Leo, James Murtaugh u.a.
99 Min. Disney ab 18.3.10

Farewell, Robert!

Von Gerrit Booms Was ist nur aus dem energischen Revoluzzer geworden? Schon bei der Golden Globes Verleihung hatte man das Gefühl, Robert De Niro sei nicht nur von Leonardo DiCaprio als Scorsese-Liebling abgelöst worden, sondern hätte sich und sein famoses Wesen gleicht mitaufgelöst. Klar, De Niro ist mittlerweile bekannt für seine nicht besonders wählerischen Ansprüche an Filmrollen. Doch mit Everybody’s Fine schaufelt er seiner eigenen Legende endgültig ein Grab. Denn diese Rolle in diesem Film ist der schlichte Beweis dafür, daß De Niro alt und profitlich geworden ist. Bloß keine Geste zu viel investieren. Bloß kein neues Faß aufmachen. Bloß nicht (mehr) an seine eigenen Grenzen gehen. Und auch gegen mehrere abgeschmackte Altherren-Witze hat sich De Niro nicht gewehrt. Ob er vor der Zusage wohl das Drehbuch gelesen hat? Er hätte wissen können, daß der nahezu senile Frank Goode auf ihn zurückfallen würde.

Dieser Ostküstler sitzt in seinem Dorfgarten und erwartet seine vier Kinder zum Barbecue. Um Eindruck zu schinden leistet er sich einen neuen Hightech-Grill, das gute Fleisch und teuren Wein. Doch weil erstens immer alles anders kommt, sagen die Kinder unter fadenscheinigen Gründen ab, und zweitens als man denkt, faßt Paps einen am Ende folgenreichen Entschluss. Denn er weiß: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muß der Prophet zum Berg fahren. Und zwar mit Bus und Bahn, weil Fliegen der Gesundheit gar nicht zuträglich ist. So besucht er seine Sprösslinge der Reihe nach und trifft auf verschlossene Türen, mehr oder weniger bedeutsame Lebenslügen und lauter weitere Ausreden.

Doch damit nicht genug. Während der Zuschauer spätestens mit dem zweiten Besuch und den einhergehenden zigfachen Zaunpfählen versteht, daß sie alle ihn belügen, schleicht der taubstummblinde Frank Goode als »dramatic fool« unermüdlich und ohne den geringsten Verdacht durchs Land. Der ehemalige Kabelarbeiter hat einfach keinen Draht zu seinen Kindern. Ha! Auf einen Suspense-Effekt hofft man allerdings vergebens, es entsteht allenfalls Mitleid, um nicht zu sagen: Hohn. Zumal das retardierende Moment des Immer-weiter-Reisens auch eher an einen faden Kaugummi erinnert, als Spannung zu erwecken.

So wird Everybody’s Fine zu einem ermüdenden Film, der obendrein erschreckend belanglos ist. Denn der Familien-Topos ist ja prinzipiell ein durchaus fruchtbarer Nährboden (Regisseur Kirk Jones könnte Claude Chabrol oder Sam Mendes dazu befragen). Vielleicht hätte ein solcher Film zu Weihnachten auch etwas mehr Wirkung, wenn die familiäre Sentimentalität ebenso häufig auf dem Gabentisch liegt wie die Frage nach offener Konfrontation. Doch zu dieser Jahreszeit ist die Liste der Fehlentscheidungen einfach viel zu lang: Ein uninspiriert abgekupfertes Drehbuch (vgl. Stanno Tutti Bene von Giuseppe Tornatore). Eine unentschiedene Kamera mit unaufhörlichen Wechseln zwischen zweidimensional bleibenden Großstadtaufnahmen ohne Flair und pseudopoetischen Reisebildern. Ein immer wieder verstörender Schnitt. Die Andeutung einer einfallsreichen Soundcollage, die aber allzu schnell wirkt wie eine Lösung zum Sparen von Drehzeit mit den Protagonisten. Und eben dieser De Niro. Vielleicht brauchte er Drehzeit und Aufmerksamkeit, die anderen hätten gelten sollen. Wofür, bleibt sein Geheimnis. 2010-03-16 17:23

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