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Die Fremde

D 2009. R,B: Feo Aladag. K: Judith Kaufmann. S: Andrea Mertens. M: Stéphane Moucha, Max Richter. P: Independent Artists. D: Sibel Kekilli, Nizam Schiller, Derya Alabora, Settar Tanriogen, Serhad Can, Almila Bagriacik, Tamer Yigit, Alwara Höfels u.a.
119 Min. Majestic ab 11.3.10

Die Andere

Von Marieke Steinhoff In Feo Aladags Regiedebüt Die Fremde ist der Titel Programm: Die junge türkische Mutter Umay ist auf der Suche nach einem Zuhause für sich und ihren Sohn Cem; sie fühlt sich fremd im Istanbuler Vorort mit dem prügelnden Ehemann und seiner dazu schweigenden Familie, aber auch die Flucht nach Deutschland zu ihren Eltern verspricht keine Besserung. Hin- und hergerissen zwischen traditionellen Familienwerten und dem Willen zur Selbstverwirklichung muss Umay auch von dort fliehen, aber das Dilemma doppelter Stigmatisierung als Frau und Türkin verfolgt sie bis ans Ende des Films, der dementsprechend mit der für Umay größtmöglichen Katastrophe endet.

Sah man in den letzten Jahren vermehrt komödiantische interkulturelle Filmbegegnungen (Kebab Connection, Salami Aleikum, Soul Kitchen) oder grenzüberschreitende Dramen (Auf der anderen Seite) auf der Leinwand, erinnert Die Fremde an das »Kino der Betroffenheit« der 1980er Jahre, in welchem Filme wie 40 Quadratmeter Deutschland von Tefvik Başer oder Yasemin von Hark Bohm intrakulturelle Spannungen innerhalb von Einwandererfamilien und insbesondere die Unterdrückung und das Leid der türkischen Frau im Gewand eines sozialkritischen Realismus thematisierten. Die Handkamera, der sparsame Einsatz von Musik sowie die Konzentration auf klaustrophobische Innenräume suggerieren auch in Die Fremde Nähe und Authentizität, gerade diese wird aber durch den Hang des Films zur ausgestellten Dramatik und einigen Ausrutschern ins Plakative verhindert. Das ist schade, versucht Die Fremde doch auch immer wieder den Spagat zwischen der Anklage patriarchalischer Familienstrukturen und dem Verständnis für die Zerrissenheit eben dieser Männerfiguren, ein Ansatz, der dem »Kino der Betroffenheit« fehlte.

Auch wenn es bei einem so heiklen Thema wie »Ehrenmord« schwierig scheint, nicht in eindeutige Positionen zu verfallen, hätten dem Film ein paar mehr Zwischentöne gut getan. Stattdessen verwendet Aladag ihre komplette Energie auf das Leid der Protagonistin und wiederholt in jeder Szene den Konflikt zwischen Welten, die sich nicht zusammenführen lassen.
Dem Bild der erzkonservativen Familie und enger Wohnräume wird das Bild der Freiheit auf dem Motorrad mit dem deutschen Freund, der allzu sehr als didaktisch eingesetzter Gutmensch fungiert, entgegengesetzt, und so verliert sich Die Fremde trotz seiner guten Absicht, es nicht zu tun, in binären Oppositionen; zwischen der durchweg positiv repräsentierten deutschen aufgeklärten Gesellschaft und der patriarchalischen türkischen Familie, zwischen Tradition und Moderne, Ost und West, scheint es keine Alternativen zu geben. Als Erklärungsmuster für die dramatische Entwicklung hin zu Umays Todesurteil dienen denn auch vermeintlich essentialistische kulturell-ethnische Differenzen, welche aber den Grund dessen nicht ausreichend untermauern und darüber hinaus eine Inbezugnahme des politisch-sozialstrukturellen Kontextes vermissen lassen. Signifikant für fehlende Begründungen ist die Szene, in welcher Umays Vater zu seinem Vater in die Türkei fährt, um ihn um Rat zu bitten. Als Schlüsselszene vor dem Urteil bleibt diese: sprachlos. 2010-03-12 14:01

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