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Parkour

D 2009. R,B: Marc Rensing. B: Rüdiger Heinze. K: Ulle Hadding. S: Sebastian Marka. M: Thomas Mehlhorn. P: Zum Goldenen Lamm, SWR. D: Christoph Letkowski, Nora von Waldstätten, Marlon Kittel, Arved Birnbaum, Constantin von Jascheroff, Georg Friedrich, Ralf Dittrich, Lilly Marie Tschörtner u.a.
100 Min. Projektor ab 11.3.10

Menschliche Abgründe

Von Susan Noll Die moderne Stadt, ein Minenfeld. Ihre Bewohner, im Zaum gehaltene Freigeister, die ihrer angestauten Energie mit einem Sport Platz machen, der sie, wie ihre Vorfahren in früher Zeit durch Wälder und über Felsen, nun auf leerstehenden Industriebauten herumturnen lässt. Parkour nennt sich diese neue Art des urbanen Hindernislaufens, eigentlich ein Paradoxon, denn aus Sicht der Parkourläufer gibt es kein Hindernis, das sie nicht überwinden können. Der höchste Turm ist noch nicht hoch genug, der breiteste Abgrund noch zu schmal und das schrägste Dach könnte gerne viel steiler sein. Geradezu aufdringlich ist die metaphorische Bedeutung dieser hippen Freizeitaktivität für das Leben Protagonisten des Jugendfilms Parkour. Schließlich müssen sie alle ihre menschlichen Abgründe überwinden, über Stock und Stein springen, um hoffentlich irgendwann bei sich selbst anzukommen. Das hätte ein schöner Film über Selbsterkenntnis und den Einklang von Körper und Geist werden können, der sich auch seiner offensichtlichen Metaphorik nicht zu schämen braucht, wenn er sie nur mit einer mutigen Geschichte verbunden hätte.

Die jungen Menschen in diesem Film haben es nicht einfach und behaupten sich trotzdem ganz gut im Leben. Allen voran Richie, der sich mit einer Gerüstbaufirma eine eigene kleine Existenz aufgebaut hat und darin seine Zukunft sieht. Zuhause wartet seine schöne Freundin Hannah auf ihn, die gerade für ihr Abitur auf der Abendschule büffelt. Daß die beiden unübersehbar zusammen gehören, wird auch hier durch ein etwas plumpes Detail vermittelt, denn beide tragen ein deutlich ins Licht der Kamera gerücktes Tattoo mit dem Namen des Geliebten am Arm. Was für eine starke Bindung. Diese ist sogar so tief, daß Richie es fast nicht aushalten kann, als sein bester Freund Hannah Nachhilfe in Mathe gibt, damit sie ihre Prüfungen besteht. Richies Eifersucht wird immer größer, er ist unkonzentriert, es kommt zu einem schwerwiegenden Arbeitsunfall. Und plötzlich bricht die so sorgsam aufgebaute Ordnung über dem jungen Mann zusammen, alles scheint schief zu gehen: Beziehung, Arbeit und Selbstbewusstsein befinden sich im freien Fall. Hier hat der Film seine besten Momente, weil er sich subtil, vielleicht sogar unabsichtlich einer Realistik nähert, die das Milieu der jungen Menschen nachzeichnet, die in den letzten Jahren mit dem unscharfen Begriff Prekariat belegt wurden. Die großen Träume sind auch bei Richie und Hannah geplatzt, und selbst der Versuch, sich im Beschaulichen einzurichten, scheitert.

Nun ist es nicht so, daß der Film die Erzählung um seine Protagonisten mit einer sozialen oder gar politischen Bedeutung aufladen möchte, schließlich nähert man sich im jungen deutschen Film lieber einer individualistischen Sicht auf eine Figur, an der man exemplarisch die Krux des Lebens abarbeiten kann. Nichts anderes passiert hier, man übt sich in Vereinfachung. Der Grund für Richies auffällig aggressives Verhalten wird nicht aus der Geschichte selbst oder den Figuren heraus entwickelt, sondern es wird eine mehr als simple und umso ärgerlichere Erklärung bemüht. Seine Eifersucht ist kein rein humaner Umstand, sie ist pathologisch und Teil einer Persönlichkeitsspaltung. Anstatt zu erörtern, was Eifersucht mit Menschen macht, wie sie sich in einer durch Konkurrenzdruck und Erfolgsstreben geprägten Gesellschaft entwickelt und verwurzelt, wird sie hier gleich als Krankheit gelabelt und damit in ein narrativ einfaches Muster gepresst. Damit nimmt sich der Film leider jeglichen Wind aus den Segeln. Endlich kann man die dramaturgischen Regeln anwenden, die jeder versteht und die die Handlung schließlich geschlossen, aber langweilig zu einem Ende bringen. Das schwächt die Geschichte und die Figuren ab, stülpt ihnen eine schnelle und verständliche Erklärung über, die sie gar nicht nötig haben. Der Mut zur Offenheit, zur Subtilität hätte hier noch etwas leisten können, so aber bleibt der Film vor allem seltsam leer. 2010-03-11 11:01

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