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Ein Prophet

Un prophète. F/I 2009. R,B: Jacques Audiard. B: Thomas Bidegain. K: Stéphane Fontaine. S: Juliette Welfling. M: Alexandre Desplat. P: Why Not, Chic Films, Page 114, France 2 Cinéma. D: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb, Hichem Yacoubi, Jean-Philippe Ricci, Gilles Cohen, Antoine Basler u.a.
155 Min. Sony Pictures ab 11.3.10

Herr und Knecht

Von Nicolas Oxen Malik lernt. Wieder spuckt er die Rasierklinge in das schmutzige Waschbecken und betrachtet verzweifelt sein blutiges Gesicht im Spiegel. Töten und sprechen lernen soll Malik mit einer Klinge zwischen den Zähnen und Reyeb heißt sein Opfer, dem er in seiner Zelle die Kehle durchschneiden soll. Malik El Djebena hat keine Wahl, denn er kennt niemanden »da draußen« und kann mit 19 Jahren weder lesen noch schreiben. Zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, braucht er den Schutz der korsischen Mafia, für den ihr Chef César Luciani eine Gegenleistung erwartet. »Daß du träumst, daß du lebst, daß du denkst, verdankst du mir« schreit César ihn an und Malik erledigt Auftrag um Auftrag, tötet, schmuggelt und wird zu Césars Hand und Auge im Knast-Krieg mit »den Bärtigen« des muslimischen Mafia-Clans. Maliks Fähigkeiten wachsen mit seinen Aufgaben und durch sein Wissen gelangt er schließlich selbst zu Macht.

Für Ein Prophet wurde Jacques Audiard in Cannes begeistert gefeiert und mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Die Goldene Palme musste er Michael Haneke überlassen, gegen den er auch für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film antreten wird. Mit neun Césars, unter anderem als bester Film, Regie, Kamera und Buch hat die französische Jury Audiard als ihren Favoriten in Stellung gebracht. Für Tahar Rahim (Malik) ist es der erste große Kinoerfolg, für den er gleich doppelt als bester Schauspieler und bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Audiard hat für seinen Film völlig unbekannte Gesichter gesucht und mit seinem Cast Maßstäbe gesetzt. Mit einer neuen Art von Typen, »un nouveau prototype de mecs«, hat Audiard seinen Film besetzt. Schauspieler maghrebinischer Herkunft, aus kleinen TV-Produktionen; »Pack« wie Nicolas Sarkozy es 2005 gern aus den Pariser Vororten gekärchert hätte.

Für die Hauptrolle hat Audiard Tahar Rahim entdeckt, in der Serie La commune auf Canal+ über die Pariser »banlieus«. Dieser Film zeigt eine neue Generation Schauspieler und prophezeit eine neue soziale Wirklichkeit Frankreichs; ein Gegenbild zum republikanischen Integrationsmodel, das jeden aufnimmt und aufsteigen lässt, der an die Ideale der »grande nation« glaubt. Wer nicht in dieses Bild passt, wird eingesperrt, in Gefängnisse oder die Wohnsilos der Vororte. Ein allgemeines Problem mit sehr französischer Ausprägung. Die staatliche Besserungsanstalt pervertiert hinter ihrem humanistischen Anspruch zum schlechten Gewissen der Gesellschaft und wird zu ihrem Spiegelbild. Der »french dream« von liberté, égalité, fraternité ist längst eine Farce und französische Gefängnisse haben bei Amnesty International traurige Berühmtheiten erlangt. Was Malik erfährt hat wenig mit Reintegration zu tun. Das hegelsche Machtspiel zwischen Herr und Knecht ist Knastgesetz. Skandalös ist daran jedoch, daß sich Maliks Fähigkeiten zu Demut und Herrschaft auch wunderbar für die Welt da draußen eignen und ihm eine Freiheit ermöglichen, für die er keine Gitterstäbe mehr durchfeilen muss. Malik bessert sich, für seine Zwecke.

Der Knast ist ein Topos des Kinos. Der Stacheldraht auf den Mauern, lange hallende Gänge, der Lärm und die Eintönigkeit in Werkstätten und Kantine. Kraftvolle Symbolbilder, denen das Kino seine eigene Ikonizität gegeben hat. Ein geometrisch organisiertes Dispositiv ist der Knast. Seine Zellen, Höfe, Türspione und Gitter beschränken den Blick und kadrieren die Freiheit der Bilder. Meisterhaft inszenieren lässt sich diese Geschlossenheit wie in Robert Bressons Un condamné à la mort s'est échappé (A man escaped, 1956), dessen streng komponierte Bilder erst durch den Ton lebendig werden. Das vorsichtige Kratzen mit dem Meißel auf hartem Beton macht die Bedrückung der Zelle auditiv erfahrbar. In Ein Prophet funktioniert das Ganze visuell. Der Kamerablick inszeniert die Struktur des Gefängnisses, beherrscht und organisiert Räume. Dann werden die Bilder wieder undeutlich, kaschiert von Gittern, begrenzt durch Zellenwände und verschwommen, wenn Maliks Kräfte schwinden oder er nach einem von Césars Wutausbrüchen fast sein Augenlicht verliert. Audiard feiert das Genre in seinen Filmen, bedient sich kunstvoll seiner Bildsprache. Wiederholbarkeit macht Genre-Kino interessant und experimentieren lässt sich gut mit einer Ästhetik, die mit bewährten Bildsymboliken einfach zu erzeugen ist. Was in Ein Prophet formal präzise inszeniert ist, wird inhaltlich gebrochen. Die Narrativik der Bilder und der gezeigten Aktion treiben auseinander. Malik bricht die Eingeschlossenheit, die Grenzen von Innen und Außen, denn das kriminelle Business funktioniert dank ihm auch über die Mauern hinweg. In den Szenen an der Sicherheitschleuse hält man Malik eher für einen pünktlichen, erfolgreichen Geschäftsmann, der statt in den Knast in sein Hotel eincheckt. In der für Gefängnisfilme fast obligatorischen Szene in der Dusche muss Malik keine Seife aufheben, sondern lernt sein zukünftiges Opfer kennen.

Was bekannt erscheint, wird durch die Figur verändert. Audiard setzt dabei nicht auf dramaturgische Therapie und die große Wandlung des Helden sondern auf Experimente mit dem narrativen Setzkasten des Genres. So entstehen neue Helden mit neuer Moral. In Read my lips (Sur mes lèvres, 2001) macht der kleinkriminelle Praktikant Paul (Vincent Cassel) die taubstumme Sekretärin Clara (Emanuelle Devos) zur Gangsterin. Ihre Fähigkeit zum Lippenlesen lässt sie zu Pauls Werkzeug werden und gegen die Unterdrückung am Schreibtisch aufbegehren. Eine Variation auf Bonny und Clyde, die nicht im Kugelhagel endet, sondern Clara zeigt, wie man ohne unterwürfigen Bürofleiß sein Glück erkämpft. In Der wilde Schlag meines Herzens (2005) muss sich Tom (Romain Duris) erst durch das brutale Immobilienbusiness prügeln, bevor er seine Hände wieder auf die Klaviertasten legen kann. Manchmal müssen Audiards Figuren zu sich zurück oder über sich hinaus. Malik muß kämpfen und bis zum Schluß für César Kaffee kochen, bis er seinen Meister herausfordern kann. Vom Knecht zum Herrn. Den Weg in die Freiheit findet allein der Held, im Genre-Kino wie in hegelscher Dialektik. 2010-03-08 13:04

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