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Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft

Anvil! The Story of Anvil. USA 2008. R: Sascha Gervasi. K: Christopher Soos. S: Andrew Dickler, Jeff Renfroe. M: David Norland. P: Little Dean's Yard, Ahimsa Films.
80 Min. Rapid Eye Movies ab 11.3.10

The Canadian Element

Von Sascha Seiler Eine Metalband gilt Anfang der 1980er als erster Anwärter auf Weltruhm, exemplifiziert wird dies gleich zu Beginn des Films mit einem Gig, den sie gemeinsam mit: Den Scorpions! Whitesnake! Bon Jovi! spielt, nur daß alle anderen Bands bald zu Millionensellern und Weltstars wurden, sogar die Scorpions, und die beiden kanadischen Anvil-Bosse Steve »Lips« Kudlow (wenn man den Film sieht, weiß man, warum er so heißt) und Robb Reiner (ja, und der heißt wirklich so und spielt in einer Doku mit, die nicht von ungefähr als »Real-Life-Spinal-Tap« gilt, das ist kein Werbegag) fahren Essen aus bzw. arbeiten auf dem Bau. Als Teilzeitkräfte, denn den Rest ihrer Zeit brauchen sie ja, um weiterhin, mit Anfang 50, nach Weltruhm zu streben. Die Wahrheit indes sieht auch musikalisch anders aus: Anvil spielen in kleinen kanadischen Kneipen vor vielleicht zwei Dutzend Hardcore-Fans. Witzig ist auch, daß der Fan mit der fiesesten Fresse, ein Anhänger der ersten Stunde zudem, sich gegen Ende des Films als Besitzer einer Telefonmarketing-Firma entpuppt, der Lips dann einen Teilzeitjob gibt. Und die Scorpions spielen immer noch in großen, naja, mittleren Hallen und sind alternativ mit Gerhard Schröder oder Christian Wulff befreundet.

Doch man versucht es weiter: Eine Osteuropa-Tournee endet in Chaos und Tränen, weil die – auf eine nicht angeforderte Bewerbungs-Email hin! – neu rekrutierte italienische Managerin irgendwie zwar Metal-Fan ist, aber von Management keine Ahnung hat. Dafür heiratet sie später den Gitarristen, immerhin. Höhepunkt der Tour ist der Auftritt in einer mehrere tausend Leute fassenden Halle, und Lips ist sich sicher: Heute Nacht werden wir zu Stars, zumindest in Osteuropa. Leider verirren sich nur rund 70 Leute in die Arena, und wahrscheinlich standen die alle auf der Gästeliste.

Was den Film, aber hierüber wurde ja schon genug geschrieben, auszeichnet, ist seine schonungslose Portraitierung der, seien wir ehrlich, unglaublich peinlichen Metaller und der immer wieder spontan eingefangene emotionale Moment: Die Geschichte einer Freundschaft eben, wie der Film auch beworben wird. Lips und Reiner, die sich seit der Schule kennen, sind unzertrennlich und wollen ihren gemeinsamen Traum verwirklichen, komme was wolle. Man liegt sich entsprechend weinend in den Armen, nachdem man gerade auf der Bühne Klassiker wie »Metal on Metal« oder »Hard Times-Fast Ladies« gespielt hat oder die Produktion des neuen, teuer erkauften Albums stockt. Dieses trägt den Titel »This is Thirteen«, weil es ist, genau, das dreizehnte Anvil-Werk, das dann natürlich keiner mehr veröffentlichen will, obwohl es doch so hart rockt, wie Lips den Plattenfirmenvertretern klar zu machen versucht.

Gedreht hat den Film, wie sollte es anders sein, ebenfalls ein Fan der ersten Stunde, der, so schreibt das Leben eben die Happy-Ends, die Band dann doch noch zu Ruhm und Ehre gebracht hat. Ausverkaufte Japan-Gigs sind die Folge und ein Film, der zeitweise sogar als Oscar-Kandidat gehandelt wurde.

Nur eines kann Anvil! The Story of Anvil nicht: Die Frage beantworten, woran‘s denn nun lag, daß es nichts mit der Weltkarriere wurde. Lassen wir also den Lothar Matthäus des Metal zu Wort kommen, Metallica-Drummer und Dampfplauderer Lars Ulrich, der da philosophiert: »Fuck! They were fuckin‘ great. Why they didn’t make it? Maybe it was the Canadian element, the isolation, you know?« 2010-03-04 13:00

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