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Crazy Heart

USA 2009. R,B: Scott Cooper. B: Thomas Cobb. K: Barry Markowitz. S: John Axelrad. M: T-Bone Burnett, Steven Bruton. P: Butcher's Run Films, Informant Media. D: Jeff Bridges, James Keane, Anna Felix, Paul Herman, Tom Bower, Maggie Gyllenhaal, Robert Duvall, Colin Farrell u.a.
112 Min. Fox ab 4.3.10

Authentisch bis ans Lebensende

Von Matthias Wannhoff Eine Debatte geistert dieser Tage durchs deutsche Feuilleton. In ihrer Mitte: ein Schreckgespenst mit blondem Haar, prominentem Vater sowie ein paar heimlichen Zitaten zuviel auf dem jungen Autorenbuckel. Naseweiße Literaten, findet da manch einer, sollten über das, was sie nicht selbst erlebt haben, doch ohnehin lieber schweigen. Wer allerdings eine Lanze für Helene Hegemanns diebische Riechnase brechen möchte, der könnte Crazy Heart als warnendes Gegenbeispiel anführen, als eine Art filmisches Anti-Authentizitäts-Plädoyer. Ein Film um einen, bei dem die Grenze zwischen Künstler und Erzählerstimme so fließend ist wie der Schnaps, mit dem er seinen morschen Körper schindet. »Bad Blake«, der Künstlername des Country-Barden, ist folglich nicht bloß schnödes Wortspiel, sondern verweist auf einen Mann, dessen Leben längst zur großen Pannenshow mutiert ist.

Frühreife Pop-Plünderer nerven, torkelnde Volksmusik-Opas sind aber auch keine Lösung, könnte ein Hegemann-Advokat als Lehre aus der Filmlektüre ziehen. Zumindest aus der ersten Hälfte, denn dort wird dem von Jeff Bridges verkörperten Liedermacher allzu deutlich gezeigt, wo sein Platz in der hiesigen Kulturindustrie ist: Essen und Unterkunft seien kein Problem, versichert ihm der Besitzer einer Bowlinghalle, in der Blake auftreten soll – für sein geliebtes Feuerwasser müsse der einstige Starmusiker aber selbst aufkommen. Gleichwohl hilft angesichts der kläglichen zwei Dutzend Gäste, die gekommen sind, um den alten Hits des 57jährigen zu lauschen, alles Doppeltsehen nichts: Eine Ernüchterung, die jeder kennt, der mit seiner Schülerband mal von Ruhm und Glamour geträumt hat, bei Auftritten im Jugendzentrum jedoch oft schon vom Kickertisch nebenan die Schau gestohlen bekam.

Es ist ein kleines Wunder, mit welcher Leichtigkeit Scott Coopers Regiedebüt es schafft, Momentaufnahmen wie diese in Stimmungen zu verwandeln, obwohl sich eine Identifikation mit der Hauptfigur nicht unbedingt aufdrängt. Seien es die Nachwehen allzu unglamourösen Groupie-Beischlafes oder der magere und dennoch freudige Applaus, mit dem Blakes Publikum den Recken auf der Bühne empfängt, oder aber der kurze Flirt mit einem weiblichen Fan, der gerne ganz wörtlich an den Lippen des Sängers hängen würde – dies sind Augenblicke von rührender Schönheit, die eine der ältesten wie anspruchsvollsten Forderungen an Film erfüllen: nämlich die der poetischen Verzerrung von Augenblicken, die eben dadurch Generalnenner menschlichen Empfindens zur Sprache bringen.

Worin diese Brillanz im wesentlichen gründet, ist kein Geheimnis: Sie hört auf den Namen Jeff Bridges, der selbst vor dem Mikrofon dermaßen in seiner Rolle aufgeht, daß man sich fragt, wer hier eigentlich wem auf den Leib geschneidert wurde. Daß die Geschichte auch darüber hinaus maßgeblich von ihren Akteuren getragen wird, liegt nicht zuletzt daran, daß sie mindestens so alt ist wie das Musikgenre, von dem sie erzählt: Um erlöst zu werden, so der Gedanke, muß der taumelnde Held einerseits ein paar seiner Ideale aufgeben und sich andererseits auf die rettende Kraft der Liebe einlassen. Nicht viel mehr als tragikomisch wäre Crazy Heart daher ohne die kongeniale Darbietung von Maggie Gyllenhaal, die in ihrer Rolle der Journalistin Jean eine glaubwürdige und zugleich überaus sinnliche Allianz mit ihrem männlichen Counterpart eingeht. Und selbst als die schleichende Läuterung Blakes der Leinwand ein Gesangsduett von Bridges und Colin Farrell beschert, hat dies keine unfreiwillige Illusionsbrechung zur Folge.

Allerdings kann die durchweg in Höchstform agierende Besetzung nicht völlig von einem Drehbuch ablenken, das die Probleme seiner Hauptfigur nur soweit ernst nimmt, wie es das dramaturgische Konzept verlangt: Denn ähnlich unvermittelt wie Blakes zwar gescheiterte, nach einem Vierteljahrhundert Funkstille aber doch überraschend plötzliche Kontaktaufnahme zu seinem Sohn wirkt auch die eilig abgehandelte Abkehr des Protagonisten vom Alkohol. Daher geht der Film, auch wenn er auf ein klassisches Hollywood-Ende verzichtet, nicht so weit wie etwa Darren Aronofskys The Wrestler. An dessen Hauptdarsteller Mickey Rourke statuierte sich bei den letztjährigen Academy Awards ja bekanntlich ein besonders drastisches Exempel von Authentizität, als sich das Scheitern der Filmfigur auch außerhalb des Films fortsetzte und der leiderprobte Nominierte leer ausging. Womit auch dem letzten klar wurde, daß sich der ewig strauchelnde Rourke in Wahrheit selbst gespielt hatte. Allein schon deshalb ist Jeff Bridges zu wünschen, daß es ihm bei den kommenden Oscars anders ergehen wird. 2010-03-01 15:09

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