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Nine

USA 2009. R: Rob Marshall. B: Michael Tolkin, Anthony Minghella. K: Dion Beebe. S: Claire Simpson, Wyatt Smith. M: Maury Yeston. P: Lucamar Productions, The Weinstein Company. D: Daniel Day-Lewis, Penélope Cruz, Marion Cotillard, Nicole Kidman, Judi Dench, Sophia Loren, Kate Hudson, Stacy Ferguson u.a.
109 Min. Senator ab 25.2.10

»There is no movie. I can’t pretend anymore…«

Von Julian Bauer Ein Film mit weiblicher Starbesetzung, die um den männlichen Protagonisten kreist als sei er eine Sonne. Die Frau als Spektakel. Ausgehöhlt und leer, aber immer glitzernd.

Schon zu Beginn des Filmes Nine wird das Faszinosum Frau, in Form einer aus bläulicher Projektion aufschimmernden Silhouette, aus den Filmkulissen hervorgezaubert. Blick der Kamera, Blick des Protagonisten und Blick des Zuschauers verknüpfen sich hier auf so dreiste Weise, daß man denken könnte, die feministische Filmtheorie sei als eine Art Negativtheorie angewendet worden. Die Silhouette wird zu Nicole Kidman, die wiederum den tagträumenden, italienischen Regisseur Guido Contini zu küssen herbeikommt. Überhaupt sind Frauen hier nur noch Traumfabrikat eines egozentrischen Filmemachers. Kritik gibt es, aber keine ironischen Brechungen. Die Tanzeinlagen reizgewaschener Hupfdolen sind durchweg ernstgemeint. Kein Augenzwinkern dieser Filmwelt mag hier über die stilisierte Frau als Attraktion hinwegtäuschen. Die Frauen sind keine Bereicherung für die Geschichte. Der Blick auf zartes und weniger zartes Fleisch ist (gleich den Beobachtungen der feministischen Kritik) extradiegetisch. Das langweilt. Andererseits ließe sich der Hauch von Dramaturgie mühelos in Großdruck auf das Höschen einer Penelope Crúz niederschreiben. Daß da aber irgendein angedachter Zusammenhang bestehe, scheint mehr als fraglich.

Zudem gibt es diese filmisch überaus einfallslosen Parallelen zu Fellini, die an Peinlichkeiten kaum zu übertreffen sind. Fergie von den Black Eyed Peas tanzt im Sand am Strand vor kleinen Jungen, als sei 8 ½ eine billige Liaison mit amerikanischem Pornoschick eingegangen. Nicole Kidman spielt die Schauspielerin Claudia Jenssen (Anita Ekberg ahoi), die sich auch noch unbedingt an einem Brunnen in Italien räkeln muss, um dann in einer dramatischen Szene ihrem ehemaligen Liebhaber Guido Contini mitzuteilen, daß sie ja eigentlich eine ganz Andere sei. Das Mann dieses Andere auch unbedingt bildhaft zufassen kriegen muss, ist klar: Schwupp, zieht sie sich ihre Extensions aus dem Haar. Ein halblanger Fransenhaarschnitt bleibt zurück. Das ist schon ein großer Schock.

Andere Protagonistinnen sind da weniger selbstkritisch. Vielleicht überhaupt ohne Selbst. Stephanie, sexy It-Girl und Journalistin der »Vogue«, singt in ihrer Showpassage, daß sie den POV (point-of-view) des Regisseurs Contini sehen will. Dabei könnte sie froh sein, daß ihr dieser erspart bleibt. Paart er sich doch nicht selten mit dem von Nine-Regisseur Rob Marshall. Und überhaupt: Daß die Kritik an der Verschmelzung von Blicken innerhalb und außerhalb des Films von Belang ist (insbesondere auf die Frau), sollte sich doch spätestens durch Peter Norths Pornoreihe P.O.V. herausgestellt haben, in der sich DER Zuschauer in den frauenbeglückenden Darsteller in perfekter Weise hineinversetzen kann; ist die Kamera doch auf seiner Augenhöhe positioniert.

Nachdem Guido Contini seine Schaffenskrise (um die es im Übrigen in diesem Film geht) nicht mehr vor dem Filmteam verheimlichen kann, konstatiert er: »There’s no movie. I can’t pretend anymore…« Von Rob Marshall hätte man sich diese Einsicht auch schon während der Dreharbeiten gewünscht. 2010-02-22 15:18

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