— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der Ghostwriter

The Ghost Writer. F/D/GB 2010. R,B: Roman Polanski. K: Pawel Edelman. S: Hervé de Luze. M: Alexandre Desplat. P: Summit International. D: Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Kim Catrall, Olivia Williams, James Belushi, Jon Berntal, Timothy Hutton, Tom Wilkinson u.a.
128 Min. Kinowelt ab 18.2.10

Der Tod und der Schreiberling

Von Werner Busch Schon bald nach Beginn gibt es diesen kurzen irritierenden Moment, wenn unser Protagonist, der von Ewan McGregor gespielte Ghostwriter, mit einer Linienmaschine in die USA fliegt. Eine Einstellung zeigt uns das Flugzeug von außen in der Luft im Vorbeiflug; sehr offensichtlich eine bloße Modellaufnahme, vermutlich sogar vor einem Studiovorhang, ein unwahrscheinlich schlichter Kameratrick. Auch später auf der Insel, wo McGregor unerwartet auf einen über 90 Jahre alten Eli Wallach trifft, da steht der Mann doch tatsächlich vor einem Greenscreen, nicht mehr on-location. Immerhin dank guter VFX-Arbeit kaum zu erkennen. Aber auch hier erinnert man sich an längst vergangene Zeiten, Hitchcock im Speziellen, der so gerne seine Darsteller im Studio vor eine Bluebox stellte. Das sind zwei weniger offensichtliche, aber sichtbare Beispiele für ein Gefühl, daß sich im gesamten Film aufdrängt. Ein Gefühl von bewußt unangepaßter Altmodischkeit. Sie manifestiert sich durchgängig in einer langsamen Erzählweise, in ungewöhnlich extensiv ausformulierten Szenen.

Diese Langsamkeit stützt in bestimmender Weise einen der ganz großen Vorzüge dieses Thrillers. Ein ungewöhnliches und übergroßes Gefühl der Bedrohung, ein Grauen von kosmologischen Ausmaßen scheint hinter der kalten Oberfläche der Bilder und den finsteren Winkeln der Politik zu liegen. H.P. Lovecraft als heimlicher Co-Autor. Hinter den stummen Blicken von Bodyguards und anderen Personen, deren Zweck wir noch nicht kennen. Aus der Furcht im alltäglichen Erleben, in unbekannten Blicken, unbekannten Gesten, Sprechpausen, die etwas zu lange dauern, als würden böse Gedanken in den Köpfen die Welt unterbrechen, zieht Der Ghostwriter seine besten Momente. Hier erkennt man einen uns vertrauten Polanski, zurück an seiner ursprünglichen Wirkstätte. Ein Psycho-Terror der völlig sinnhaft zum übernatürlichen Terror wird. Im Winkelgrad feiner Rückenhaare, die sich dezent aufrichten, im Gefühl, da hat Der Ghostwriter sehr viel mit Ekel und Der Mieter gemein, zwei der herausragendsten Filme in Polanskis Werk. Und auch sehr gezielt zeigend macht der Regisseur Anleihen bei früheren seiner Thriller-Meisterwerke: Das Strandhaus-Setting legte ihm den drohenden Leuchtturm, der schon in Der Tod und das Mädchen ein heimlicher Hauptdarsteller und Stellvertreter für einen brillant-detailverliebten Regisseur im Hintergrund war, nahe.

Daß Der Ghostwriter zustande kam ist in mehrerer Hinsicht ein Glücksfall. Polanski hatte ursprünglich einen anderen Roman des Bestsellerautors Robert Harris verfilmen wollen, »Pompeji«, was dem Vernehmen nach wohl eine der kostspieligsten europäischen Produktionen überhaupt werden sollte. Sandalen-Trash vom Feinsten. Es ist nur schwer vorstellbar wie Polanski seine ihm eigenen, ganz besonderen Vorzüge in der Mise en scène mit einem solchen Film hätte herausstellen können. Der Stoff von Der Ghostwriter scheint wie für ihn geschaffen. Auch weil die Filmhandlung so unglaublich mit den Geschehnissen um seine Person im Jahr 2009 korreliert, sie spiegelt: Der ehemalige britische Premier, dessen Memoiren McGregors namenlose Figur als Ghostwriter verfassen soll, wird in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Würde er die USA verlassen, würde er in so ziemlich jedem Land sofort bei Einreise verhaftet werden. Zeitweise befindet er sich in seinem Strandhaus ähnlich unter Arrest, wie der gegen die Auslieferung in die USA ankämpfende Polanski in seinem Haus in der Schweiz, von dem aus er die Postproduktion seines Filmes überwachen mußte.

Frei von Makel ist Der Ghostwriter dennoch nicht. Nach einer herausragenden ersten Hälfte, die in das düstere Treiben auch großartige humorvolle Momente bringt, schleichen sich gen Ende vereinzelte Längen ein. Und auch die Thrillerhandlung ist schlichtweg zu simpel. Das hat zwar auch Michael Clayton nicht vor Lobeshymnen geschützt, aber insbesondere im Finale hätte man sich ein Mehr an Überraschung gewünscht. Entschädigt wird man mit durchgängiger Stimmungsvölle, einem Pierce Brosnan in seiner besten Rolle und Polanskis wunderbar-einmaliger Art, Schauspieler und Welt vor der Kamera zu inszenieren. Ein sehr angenehmer, präzise getaner Schritt zurück. 2010-02-19 18:48

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap