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Die Friseuse

D 2010. R: Doris Dörrie. B: Laila Stieler. K: Hanno Lentz. S: Inez Regnier, Frank Müller. M: Ivan Hajek. P: collina Filmproduktion. D: Gabriela Maria Schmeide, Natascha Lawiszus, Ill-Young Kim, Christina Große, Rolf Zacher, Maria Happel, Maren Kroymann, Katharine Derr u.a.
108 Min. Constantin Film ab 18.2.10

Eine Frau mit Format

Von Arezou Khoschnam Kathi König hat eine einfache Lebensphilosophie. Sie denkt, wenn man nett und freundlich zu seinen Mitmenschen ist, verdiene man es, glücklich zu sein. Daß die Realität anders aussieht, bekommt die Vollblutfriseuse aus Berlin-Marzahn immer wieder zu spüren. Kathi König ist nämlich dick. Sehr dick. Tag für Tag ist sie Anfeindungen, Spott und Hohn ausgesetzt. Die Begründung jedoch, mit der eine Salonbesitzerin sich weigert, Kathi den von der Arbeitsagentur vermittelten Job zu geben, schlägt dem Fass den Boden aus: »Der Friseurbesuch ist ein ästhetischer. Und Sie – Sie sind nicht ästhetisch!« Und nach genau diesem Schema läuft es bei Kathi immer ab: Sie legt sich voll ins Zeug, präsentiert sich von ihrer besten Seite, aber am Ende hört sie immer nur ein »Nein!«. Sei es von der Bank, die sie um einen Kredit für ihren eigenen Salon bittet oder vom Berater einer Existenzgründerfirma: Alle legen ihr Steine in den Weg. Als sei das nicht schon Strafe genug, wurde Kathi von ihrem Ex-Mann mit ihrer ehemals besten Freundin betrogen. Mit gemeinsamem Nachwuchs leben die beiden nun in dem Haus, das Kathi früher ihr eigen nennen konnte. Sie hingegen musste daraufhin mit ihrer Tochter in eine Plattenbausiedlung ziehen und darf sich fortan von ihr die Schuld an der Trennung vom Vater geben lassen. Und nicht zu vergessen: Kathi hat MS.

Diese deprimierende Aufzählung ist notwendig, um sich ansatzweise vorstellen zu können, welche Kraft Kathi aufbringen muss, um sich dem Leben jeden Tag aufs Neue zu stellen. Doch wie sie das tut ist unnachahmlich. Mit ihrer schlagfertigen Berliner Schnauze, viel Charme und Herz trotzt Kathi stets gut gelaunt und voller Elan allen Hindernissen des Alltags und schafft mehr, als jeder ihr zugetraut hätte. Am Ende wartet nicht der Erfolg, aber doch ihre Erkenntnis, daß sie lange genug geweint habe und es ihr entgegen aller Umstände doch gut gehe.

Der Film erzählt die Geschichte eines Scheiterns und hätte sich schnell zu einem Sozialdrama entwickeln können. Daß dem nicht so ist, liegt allen voran an der Hauptfigur: Kathi König ist an sich eine tragische Figur, doch sie verliert nie ihren Optimismus oder ihre Lebensfreude. Damit erobert sie die Herzen der Zuschauer im Sturm und zaubert ihnen beim Verlassen des Kinosaals ein Lächeln ins Gesicht, obwohl oder gerade weil sie nicht nur liebenswert und nett ist, sondern ebenfalls ihre Ecken und Kanten hat. Sie bekommt ihren eigenen Hintern kaum noch aus einem Stuhl und schmiert sich dennoch weiterhin genüsslich Wurstbrote und bestellt sich Pizza. Ihr eigenes Äußeres jedoch hindert sie nicht daran, bei der Männerwahl wählerisch zu sein. Einen dicklichen Verehrer lässt sie kurzerhand auflaufen. Sie sieht nicht ein, weshalb sie auf Dicke stehen soll, nur weil sie selbst dick ist. Und ans Abnehmen denkt sie gar nicht erst. Gott sei Dank – für den Film.



Eine solch markante Type hat Doris Dörrie dazu veranlasst, etwas für sie bislang undenkbares zu tun: Sie hat zum ersten Mal ein Drehbuch verfilmt, das sie nicht selbst geschrieben hat. Federführend war diesmal Laila Stieler, die sich von einer real existierenden Friseuse zu ihrer Story hat inspirieren lassen. Das Ergebnis kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen: Mit der Schauspielerin Gabriela Maria Schmeide hat Dörrie mehr als nur eine gute Wahl getroffen. Schmeide spielt die Kathi mit einer solchen Glaubwürdigkeit, daß man meint, sie spiele sich selbst. Sie macht den Film zu einem Erlebnis und dem Zuschauer bleibt nichts anderes übrig, als gemeinsam mit ihr zu leiden und zu lachen.



All das ist allerdings nur möglich, weil Dörrie die Voraussetzungen dafür schafft. Ihre feinfühlige Regie macht sich an keiner Stelle über die Hauptfigur lustig. Kathis unübersehbare Leibesfülle dient zwar als Ausgangspunkt für viele Szenen und manchmal wünscht man sich, Kathi würde sich lieber im Hintergrund aufhalten, statt sich erneut – bewusst oder unbewusst – zur Zielscheibe des Gespötts zu machen. Nichtsdestotrotz steht der Zuschauer immer auf Kathis Seite, weil er die Motivation hinter ihrem Handeln nachvollziehen kann. Sogar als Dörrie Kathi splitternackt auf der Leinwand zeigt, stellt sie sie nicht zur Schau. Diese ungeschminkte Darstellung ihres Körpers entspricht nicht gerade den Sehgewohnheiten des Kinozuschauers. Und trotzdem entsteht statt einer möglichen Distanz zwischen Publikum und Hauptfigur Nähe angesichts dieser visuellen Wahrhaftigkeit. Dörrie zeigt sich als Meisterin der Tragikomik, die es versteht, aus einer einzigen Szene gleichzeitig das traurige und das humorvolle Potential auszuschöpfen.

Autorin Stieler gebührt das Lob für die knackigen Kommentare, die sie Kathi in den Mund legt, sowie für diverse komische Momente. Als der Angestellte eines Kreditbüros sie unfreundlich begrüßt, erteilt Kathi ihm schnurstracks einen Crashkurs in Manieren: »Ja, so geht das aber nicht! Jetzt geh ich noch mal raus und komm dann wieder rein!«

Es gibt nur eine Kleinigkeit zu bemängeln: Zum Schluss hin hat der Film ein wenig Überlänge. Doch das ist nicht weiter schlimm, denn es wird an keiner Stelle langweilig. Die Friseuse bietet Kino, wie es sein sollte: Ein Ort des Zaubers und des Vergessens, des Sinnierens und Genießens. Um es in Kathis Berlinerisch zu sagen: »Kieken Se den Film!« 2010-02-16 17:57

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