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The Book of Eli

USA 2009. R: Albert Hughes, Allen Hughes. B: Gary Whitta. K: Don Burgess. S: Cindy Mollo. M: Atticus Ross. P: Alcon Entertainment, Silver Pictures. D: Denzel Washington, Gary Oldman, Mila Kunis, Jennifer Beals, Ray Stevenson, Tom Waits, Malcolm McDowell, Michael Gambon u.a.
118 Min. Tobis ab 18.2.10

Des Heiligen Geistes Hardware

Von Matthias Wannhoff Goethes zaudernder Universalgelehrter hätte es heute womöglich leichter. Denn beim ersten Treffen von der Herzensdame in spe gefragt zu werden, wie man's denn mit der Religion hält, scheint angesichts moderner, zutiefst profaner Plagen wie Klimawandel und Kapitalismus eher unwahrscheinlich. Angebracht wäre es dieser Tage eher, die Gretchenfrage gen Hollywood zu rufen. Dort hat sich nämlich ein erzählerischer Trend eingeschlichen, der zum einen darin besteht, daß ein postapokalpytisches Schreckensszenario das nächste jagt – das Neue Testament also quasi auf der Leinwand fortgeschrieben wird. Zum anderen bebildern diese Filme aber kein Jenseits oder Fegefeuer, sondern behandeln die vorapokalyptische Welt, und damit auch die Religionen, als nach deren Ende munter zu plündernden Zeichenvorrat. Gerne wird dann das Bild der Arche Noah bemüht (Knowing, 2012), um gegebenenfalls noch um eine schwarze Jungfrau Maria erweitert zu werden (Children of Men). Höchst unwahrscheinlich also, daß diese Renaissance der Bibelmotive die Menschen aus dem Kino direkt in die Kirchen treiben wird. Daran dürfte auch The Book of Eli, obgleich schon im Titel auf die Heilige Schrift schielend, wenig ändern.

Irgendwo im Jahr 2044: Ein Krieg hat dreißig Jahre zuvor beinahe alles Leben dahingerafft. Die meisten Verbliebenen können weder lesen noch schreiben, wenn sie durch die gleißende Sonne nicht ohnehin erblindet sind. Die Straßen werden von brutalen Gangs beherrscht, es mangelt an Wasser und überhaupt Nahrung. Ein Mann namens Eli, der als einer der wenigen auch die Zeit vor der Katastrophe erlebt hat, schlägt sich inmitten dieser finsteren Welt äußerst wacker. So wacker, daß Carnegie, der die namenlose Stadt über ein Gewaltregime führt, ihn für seine Dienste einspannen will, als er von den atemberaubenden Kampfkünsten des Wanderers hört. Ein nächtliches Stelldichein mit der bildhübschen Solara soll Eli gefügig machen, bis Carnegie erfährt, daß sein Gast im Besitz der wohl letzten Bibel auf Erden ist. Als der Fremde sich weigert, das Buch dem Despoten zu überlassen, wird dieser zornig – und Eli, mit Solara im Schlepptau, zum Gejagten.

Hinter diesem Konflikt offenbart The Book of Eli unter Hollywoods bibelfesten Dystopien den wohl bislang nüchternsten Blick auf das sakrale Sujet. Denn die Heilige Schrift ist bloß noch als profaner Datenträger von Belang, oder, wie es Marshall McLuhan formulierte: Das Medium ist die Botschaft. Dies gilt umso mehr, da die Religionskritik, die hier versucht wird, als eine der größten Aporien in die Filmgeschichte der Nullerjahre eingehen dürfte. So hat es Elis Widersacher auf das Buch der Bücher abgesehen, da sich mit dessen Rhetorik das Volk angeblich am effektivsten kontrollieren lasse. Der Umstand, daß die selbst auferlegte Mission des Titelhelden letztlich darin besteht, eben diese vermeintlich giftigen Worte für die Nachwelt zu sichern, schreit als unlösbarer Widerspruch von der Leinwand.

Viel interessanter ist die große medientheoretische Frage, die den Plot durchdringt: Was passiert, wenn die Schriftstücke einer Kultur drohen, von niemandem mehr gelesen werden zu können? Als Antwort präsentiert The Book of Eli eine Hauptfigur, die notgedrungen selbst zum Übertragungsmedium wird, sowie eine Gesellschaftsordnung, in der Macht vor allem auf der Beherrschung von Kulturtechniken fußt. Dieses Setting ist historisch korrekt: Denn vor Erfindung der Buchdruckerpresse hatte das geschriebene Wort, wie es vornehmlich in Klosterkellern lagerte, wahrlich den Stand einer Kostbarkeit – auch der Heilige Geist ist schließlich nichts ohne seine Hardware.

Damit predigt der Film eine Geschichtsphilosophie, die in höchsten Maße teleologisch ist und dabei sowohl die christliche Endzeitlehre als auch Fukuyamas »Ende der Geschichte« weiterdenkt. Denn wenn die Historie an ihrem Kulminationspunkt angelangt ist (im Christentum identisch mit der Apokalypse), dann lautet die Devise für das Danach folgerichtig: alles auf Anfang. Dies läßt sich auch auf die Mediengeschichte übertragen: Geht man nämlich davon aus, daß der Computer sämtliche Medien, die seiner Erfindung vorausgingen, zu simulieren vermag – hier sei etwa auf die Schriften des begnadeten Foucault-Korrektors Friedrich Kittler verwiesen –, dann bleibt auch der medialen Evolution nach ihrem vorläufigen Ende einzig die Option, sich selbst zurückzuspulen, um letztlich wieder in eine universale diskrete Maschine zu münden. Wohl nicht ganz zufällig landen Eli und Solara auf ihrer Flucht plötzlich im Haus eines ominösen Ehepaars, aus dessen Grammophon »Ring My Bell« von Anita Ward knarzt: ein Moment, der auch eine nostalgische Reminiszenz an den Charme des Vor-Digitalen in sich birgt.

Natürlich begnügt sich The Book of Eli nicht damit, ein kulturwissenschaftliches Faß nach dem anderen aufzumachen. So gehören die gnadenlos überzeichneten Kampfszenen, deren Irrsinn am Ende auch noch mit dem gedächtnistheoretischen Subtext verknüpft wird, zu den pointiertesten Duelldarstellungen, die seit langem im Mainstream-Kino zu bestaunen waren. Die einst als Regie-Wunderkinder gefeierten Hughes-Brüder, deren letztes – geflopptes – Lebenszeichen From Hell stolze neun Jahre zurückliegt, sind damit zweifelsohne zurück im Geschäft. Zurück mit einem Film, der sich nicht nur für eine Lektüre mit (oder gegen) Foucault eignet, sondern auch dafür, die Scharen – wie es in den USA bereits der Fall war – ins Multiplexkino zu locken. Auch dies eine medientheoretische Erkenntnis: Denn das Buch, welches Vergleichbares zu leisten vermag, muß noch geschrieben werden. 2010-02-16 15:37

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