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Wolfman

The Wolfman. USA 2010. R: Joe Johnston. B: Andrew Kevin Walker. K: Alwin H. Kuchler. S: Dennis Virkler, Walter Murch. M: Danny Elfman. P: Relativity Media, Stuber Productions. D: Benicio Del Toro, Emily Blunt, Sir Anthony Hopkins, Hugo Weaving, Geraldine Chaplin, Kiran Shah, Art Malik, Elizabeth Croft u.a.
102 Min. Universal ab 11.2.10

Die Wiederkehr der Monster der Moderne im Zeichen des Digitalen

Von Sarah Sander Es beginnt mit den Grauen der Nacht – einem unheilvollen Rauschen von Wind, flackerndem Vollmondlicht und langen, dunklen Schatten von Bäumen – die tradiert sind, Angst zu evozieren. Schnelle, blitzartige Schnitte, die nichts sehen machen, das Dröhnen und Heulen von Kinowind, Blut, Dunkel und ein Pferdewagen bei unterlegter »Schauermusik« sind dazu angehalten, Cortisol freizusetzen, wo doch noch nichts zu befürchten steht. Der Film beginnt mit Erschrecken – oder auch mit teuren Tricks.

Wolfman ist das Remake des gleichnamigen Universal-Klassikers von 1941, die Geschichte ist Liebhabern des Genres damit wohl hinreichend bekannt: Bestialische Morde – oder besser: ein Brief seiner Schwägerin (Emily Blunt) – führen den amerikanischen Theaterschauspieler Lawrence Talbot (Benicio del Toro) zurück in die düstere Gegend seiner fernen Kindertage, nach Blackmoor im viktorianischen England. Auf dem Anwesen seines Vaters Sir John Talbot (Anthony Hopkins) begegnet der zurückgekehrte Sohn jedoch nicht nur den Schrecken seiner Kindheit, sondern auch einer schrecklich blutrünstigen Kreatur, die zu Vollmond wiederkehrt.

Das Remake folgt im Großen dem Plot des Klassikers. Einzig die Tricktechnik hat sich entschieden weiterentwickelt: Der Wolfsmann ist ein Mischwesen aus Make-up- und Digitaltechnik; Erinnerungen sind Kombinationen aus Bildstörungen und Fantasywesen (die, durch digitale Jump Cuts, Doppel-Bilder oder wasserspiegelähnliche Verzerrungen eingeführt, an Sméagol aus Herr der Ringe oder Francis Ford Coppolas Dracula gemahnen, wenn sie Kindheitserinnerungen visualisieren sollen). Selbst der Vollmond ist damit in Wolfman nicht mehr bloß Chiffre der Schrecken des 19. Jahrhunderts, sondern auch Bild für die Spektakel des Digitalen. Wenn in Zeitrafferästhetik Wolkenfetzen vor dem Mond herziehen, wenn blitzende Bildpixel sich wie Feenstaub über das Bild eines nächtlichen Waldes legen, wenn blauer Nebel aus einem Wasserfall-Weiher aufsteigt, dann scheinen nicht nur die Motive der Romantik auf, dann steht auch der Traum des Digitalen ebenso ins Bild geschrieben wie bei der alptraumhaften Verwandlung in den Wolfsmann. Denn auch wenn der schon für seinen American Werewolf preisgekrönte Spezialeffekt-Maskenbildner Rick Baker Gesichts- und Körperhaarmasken für den Wolfman angefertigt hat, die es erlaubten, viele der Werwolf-Szenen mit den Schauspielern und Standdoubles zu drehen: Die Verwandlungen wie auch das Rennen, Kämpfen und Springen der Bestie sind computeranimiert.

Die digitale Postproduktionstechnik von heute ermöglicht eine nie dagewesene Detailgenauigkeit in der Visualisierung von Schreckgespenstern: Close Ups auf die computergenerierten Visual Effects der Verwandlung zeigen, was sich noch bis vor Kurzem nur in der Vorstellung von Zuschauern und Lesern abgespielt haben kann. Doch verhilft ihr digitaler Körper den Phantasmen der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts tatsächlich zu aktueller Schrecklichkeit? Oder affiziert die digitale Tricktechnik bloß Nervenfasern, bzw. das sympathische Nervensystem? Eine Frage, die sich das Genre der Gothic-Horror-Adaptionen wohl stellen (lassen) muß, will es nicht bloß Spektakel, sondern echter Schrecken sein.

Und natürlich ist Wolfman schrecklich, natürlich ist er blutig, und natürlich ist er kolossal, aber das alleine macht ihn noch lange nicht gut. Zu abgeschmackt sind die kunstnebligen Bilder der düsteren Seite der Romantik, zu kitschig der symbolträchtige Pathos der brennenden Bilder von Vater, Mutter und verlorenem Sohn, zu billig die nervenaufreibenden Schocktricks, die einen mit kalkulierbarer Regelmäßigkeit im Kinosessel zusammenzucken lassen. Der Horror scheint in Wolfman fast gänzlich aus den Zuschauerköpfen in die Postproduktion verlegt: in die schnellen Schnitte, die visuellen Effekte, das unterschwellig dröhnende Sounddesign. Zu wenig von den Schrecken der Schauerliteratur bleibt damit haften. Auch wenn Benicio del Toro und Anthony Hopkins durchaus düster glänzende Schauspielstücke ablegen, rettet sich das Grauen des Films nicht über die Schockmomente hinweg. Dem hilft auch ein ironisch-reflektierter Diskurs nicht ab, der die von der Psychoanalyse pathologisierten Ängste (vor) der Lykanthropie in die Wirklichkeit (des Films) zurückholt. Bei aller schockhaften Visualität und trotz des markerschütternden Sounddesigns bleibt Wolfman erschreckend nachhalllos. 2010-02-11 22:31

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