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Lourdes

A/D/F 2009. R,B: Jessica Hausner. K: Martin Gschlacht. S: Karina Ressler. P: Coop99 Film, Société Parisienne de Production. D: Sylvie Testud, Léa Seydoux, Bruno Todeschini, Gilette Barbier, Irma Wagner, Gerhard Liebmann, Thomas Uhlir, Elina Löwensohn u.a.
99 Min. NFP ab 1.4.10

Verwaltung des Schmerzes

Von Jochen Werner Hier ist keine Erlösung: Die Hotellobby, die Jessica Hausner als Dreh- und Angelpunkt ihres dritten Films Lourdes inszeniert, hat in etwa die spirituelle Aura einer Autobahnraststätte. Als Gegenbild wäre sie zu denken zu den endlosen, geometrisch strengen Fluren in Hausners Hotel, deren dunkle Winkel nur den finsteren Märchenwald verlängerten, in dem sich Franziska Weisz am Ende des erratischen Films schließlich verlor. Das Übersinnliche, das dort noch als Unheimliches in die keinerlei Schutz mehr bietenden Innenräume kroch, ist in Lourdes allgegenwärtig, als Erleuchtetes, Hoffnungspendendes freilich gedacht.

Lourdes erzählt die Geschichte der infolge einer unheilbaren Krankheit vom Hals abwärts gelähmten Christine, die mit einer Pilgergruppe des Malteserordens nach Lourdes reist, um die dortigen heiligen Stätten zu besuchen und für Erlösung und Heilung zu beten. Sechs Millionen Menschen, unzählige von ihnen krank, leidend, sterbend, besuchen jährlich den Wallfahrtsort auf der Suche nach Gott und/oder Hoffnung, und Hausner inszeniert diesen dementsprechend als gigantisches Touristenzentrum, vollständig einer Reisegruppenlogik unterworfen. Ein Ort des Schmerzes, ja – aber eben auch ein Ort, an dem der Schmerz verwaltet wird. Viele der Touristen, man erfährt es gewissermaßen im Vorübergehen, kommen immer wieder aufs Neue hierher, bitten vergeblich. Hausner nimmt sich in der ersten Stunde von Lourdes viel Zeit dafür, sie zu beobachten, ihren Ritualen zuzuschauen, ihren Gesprächen zu lauschen. Beziehungen entspinnen sich langsam, doch alles scheint fragil. Statt im Zeichen der Hoffnung zu verbinden, scheint der Glaube hier die Menschen eher zu trennen. Warum sie und nicht ich? Das ist die schwere Frage, die hier stetig über den Köpfen der Protagonisten schwebt. Es gibt zwei (vorläufige) Heilungen in Hausners Film, doch geht es hier – anders als in Dreyers klassischem Ordet, der offenkundig als Bezugspunkt dient – nicht um Fragen des rechten Glaubens. Eher geht es um den organisierten Glauben, um die Kirche, die Kommerzialisierung irrationalen Sehnens und um das, was derlei Mechanismen mit den Menschen machen.

In mancher Hinsicht ist Lourdes ein brutaler Film. Die sarkastischen Witze der Ordensritter untereinander sind nur umso schmerzhafter, weil sie der eigenen, zynischen Sichtweise auf das katholische Disneyland, das Hausner uns hier vor Augen führt, durchaus entsprechen mögen. Die besondere Sensibilität ihres Films liegt nun darin, daß sie diese Erlösungsindustrie mit unbarmherziger Klarheit seziert, ohne jemals die verzweifelten Hoffnungen ihrer verletzten Protagonisten zu denunzieren. Das heißt freilich nicht, daß ein nachsichtiges Licht auf die Pilger geworfen wird: Indem sie ihr Verhalten untereinander als stetiges Wetteifern skizziert, entlarvt Hausner, wie sehr auch ihr Glaube einem allgegenwärtigen Konkurrenzdenken unterworfen ist. Als schließlich der Film sein Wunder geschehen läßt und Christine heilt, da kippt die unterschwellige Rivalität unter den Gläubigen endgültig in offene Ablehnung. Statt in Glückstränen und Bekehrung, wie noch bei Dreyer, mündet die Wundertat hier in kaum verborgenen Neid und Feindseligkeit – von der Kirche noch bestärkt, indem Christine auf der Abschlußfeier als »beste Pilgerin des Jahres« ausgezeichnet wird. Doch auf dem scheinbaren Höhepunkt ihres Glücks, im Tanz mit ihrem heimlichen Schwarm, dem Ordensritter Kuno, wendet sich das Blatt erneut…

Das Christentum ist ja als Thema des Weltkinos schon seit geraumer Zeit wieder überaus präsent: Ob in Carlos Reygadas’ Mennonitendrama Stellet Licht, in Lee Chang-Dongs beißender Religionskritik Secret Sunshine oder in der agitatorischen Hollywood-Version in Alex Proyas’ christofaschistoidem Blockbuster Knowing, der Streit um die christlichen Werte und ihre vermeintlichen Errungenschaften wird allerorten geführt. Ein besonderes Verdienst von Jessica Hausners Lourdes, einem der interessantesten Beiträge zum Diskurs sicherlich, liegt dabei wohl in der Kühle seines Blicks: Niemals erliegt der Film der Versuchung, in den salbungsvollen und unbedingten Tonfall der Verfechter all der einzig wahren Glauben zu verfallen. Stattdessen baut er allmählich und ungerührt – durch das wunderbar zarte, zurückgenommene, sacht schmerzvolle Spiel von Sylvie Testud, aber doch: rührend – ein komplexes Bild eines letztlich würdelosen Systems. 2010-03-25 13:00

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