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Ajami

D/IL 2009. R,B,S: Yaron Shani, Scandar Copti. K: Boaz Yehonatan Yacov. M: Rabiah Buchari. P: Twenty Twenty Vision, Inosan Productions, Vertigo Films. D: Shahir Kabaha, Fouhad Habash, Ibrahim Frege, Scandar Copti, Eran Naim, Sigal Harel, Hilal Kabob, Tamar Yerushalmi u.a.
120 Min. Neue Visionen ab 11.3.10

Bilder, die Augen öffnen

Von Julian Bauer Aus dem dunklen Schwarz ertönt gehetzter Atem. Die Aufblende zeigt, der Atem gehört einem Bleistift. Ein schraffierender Stift hat den Ton erzeugt. Töne können täuschen, das Bild besitzt dahingegen so etwas wie Wahrheitscharakter. Zumindest legt der Film Ajami von Scandar Copti und Yaron Shani einen solchen Bildbegriff nahe. Bilder, die Augen öffnen.

Der Film spielt dem Titel folgend (oder eben umgekehrt) in Ajami, einem Stadtteil von Jaffa/Tel Aviv. Ein Film also, der zeigt, wie Ajami wirklich ist? Ein Bildergleichnis? Die Protagonisten sind Araber, Israelis, Juden, Moslems, Christen. Die Zeitebenen des Films sind ebenso verschachtelt wie die Situationen, in denen diese Menschen leben. Sie halten sich an der Grenze zur Ausweglosigkeit auf. Die Versuche aus diesen menschlichen Grenzgebieten zu fliehen, führen ins Chaos hinein. Das erinnert ein wenig an die Romane von Carson McCullers: Zufälle führen ins Verderben; und zwar unaufhaltsam. Vor allen Dingen wirkt fehlendes Geld als treibende Kraft für all die unglücklichen Zufälligkeiten und Fehlentscheidungen. Die Leidtragenden sind demnach eher die Protagonisten aus den unteren Bevölkerungsschichten. Zum Problem der Religion und Staatsangehörigkeit oder eben Staatenlosigkeit gesellt sich das Problem der Klasse.

Die Gefahr, bei dieser Ballung an Tragödien plump zu werden, besteht. Copti und Shani entgehen dieser kinematographischen Tragödie nicht gänzlich. Gerade wegen des unbedingten Versuchs der Darstellung von Vielschichtigkeit, ist die Prosa des Films ein wenig überladen. Das Projekt »Wahrheit« gerät in die Schieflage. Das könnte gut sein; jedoch unter anderen Voraussetzungen. Das Kino als Ort für ein Spiel mit Wahrheiten wird nicht genutzt. Stattdessen verwenden die Regisseure sogar Laiendarsteller. Hier gibt es kein Spiel, alles ist »echt«. Oder wie ein Halbwüchsiger zu seinem kleinen Bruder sagt, als dieser ihm bei einem Drogenhandel begleiten will: »Bist du dumm? Denkst du das ist ein Spiel?«

Kein Spiel also. Und so blickt auch die Kamera dokumentarisch auf die menschlichen Objekte, offeriert so die Kino-Ästhetik der Wahrheit. Soll uns zu unbewußten Rezipienten der ajamischen (israelisch-palästinischen) Realität machen. Aufklären. Die Kamera ist aber auch nah an seinen Protagonisten: Bei zarten, flüchtigen Berührungen, bei heftigen Umarmungen, Hände, Arme, Schultern, Köpfe, bei Prügeleien. Eine ungeheure Dichte von Menschen: Araber, Israelis, Juden, Moslems, Christen. Eine Stärke des Films, die vor allem da deutlich wird, wo das Auge für Sekunden auf das Meerpanorama einer Totale blicken darf. Die Körperlichkeiten sind wichtig, denn wo das Geld fehlt oder an Wert verloren hat, zählen Körper (vor allen Dingen tote) umso mehr. Geld und Leichen als Zahlungsmittel und zwar in einem homosozialen Gefüge. Frauen kommen in dem Film fast gar nicht vor. Sie sind Statistinnen der Trauer oder der Fassungslosigkeit über ihre Männer. Welche Wahrheit ist das? Bilder, die Augen öffnen?

Die vielen Erzählstränge des Films werden am Ende zusammengeführt. Dort, wo in den ersten Kapiteln des Films abgeblendet wurde, wird in den letzten Sequenzen wieder angesetzt. Perspektivenwechsel entstehen so. Erstmalige Erklärungen werden zerbrochen, neue Bedeutungen generiert. Der Film vermittelt, eben wegen seines stetigen Verweises auf Wahrheitsgehalt, das Gefühl nicht, er hätte uns getäuscht, sondern die Zuschauer hätten sich selbst getäuscht. Ein mäeutisches Prinzip wird angewandt. Sokrates als Film? Doch ein Zuschauer spricht nicht. Der Film muß sich also selbst widersprechen. Was bleiben soll ist am Ende ein Film, der die Augen öffnet. Ein Junge spricht in den letzten Filmbildern aus dem Off: »Schließe deine Augen. Atme tief ein und entspanne deinen Kopf. Du fühlst dich ruhig und entspannt. Deine Hände werden schwerelos. Dann deine Füße und dann der ganze Körper. Auf drei wirst du deine Augen öffnen, und du wirst dich selbst an einem anderen Ort wiederfinden. 1, 2, 3.« Hier endet der Film mit einem schwarzen Bild. Das ist leider ein allzu ambitioniertes Projekt. 2010-03-05 11:59

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