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Zeiten ändern Dich

D 2010. R: Uli Edel. B: Bernd Eichinger. K: Rainer Klausmann. S: Hans Funck. M: Bushido. P: Constantin Film, Rat Pack Filmproduktion. D: Bushido, Elyas M'Barek, Moritz Bleibtreu, Hannelore Elsner, Mina Tander, Karoline Schuch, Karel Gott, Katja Flint u.a.
94 Min. Constantin ab 4.2.10

Endgegner Edel-Eichinger

Von Cornelis Hähnel Es gibt Filme, die Geschichten erzählen, weil sie erzählt werden müssen. Dann gibt es Filme, die einfach eine bestimmte Zielgruppe bedienen wollen. Und dann gibt es Filme, die gedreht werden, um als Goldesel zu funktionieren. Vielleicht ist Uli Edel bei der Recherche zum Baader-Meinhof Komplex auf Bushidos Album »Staatsfeind Nr.1« gestoßen und dachte sich: Super, in der Thematik bin ich ja eh grad drin. Vielleicht wollte er aber auch wieder den jugendlichen Zeitgeist einer Generation anhand derer Schattenseiten thematisieren. Allerdings drängt sich bei Zeiten ändern Dich verstärkt das Gefühl auf, daß hier einfach die Kassen durch zusammengekratztes Taschengeld klingeln sollen.

Warum Bushido ein Buch über sein Leben geschrieben hat liegt nahe. Als passionierter Selbstdarsteller liegt ihm viel an Ruhm, Mythenbildung und, ganz klar, Einnahmen. Nicht ohne Hintergedanken vertreibt er deswegen neben seiner Musik auch sein eigenes Modelabel »Ferchichi«, der schielende Blick auf US-Rapper wie Jay-Z oder P Diddy ist dabei offensichtlich. Und man muß anerkennen: Bushido ist wahnsinnig erfolgreich, seine Autobiographie stieg von Null auf Eins in die Spiegel-Bestsellerliste ein. Klar, daß da jemand wie Bernd Eichinger Profit riecht, seinen Freund Uli Edel anruft und das Projekt »Bushido auf der Leinwand« anleiert. Auch das geht in Ordnung, auch wenn es einen schalen Beigeschmack hat. Aber wenn die Geschichte eh schon mit der heißen Nadel gestrickt ist und man dann noch ein Kindergarten-Ghetto abliefert, ist das Ganze nur Zielgruppenverarsche.

Der kleine Bushido wächst in Berlin-Tempelhof bei seiner Mutter auf. Früher musste er mitansehen, wie sein Vater seine Mutter schlug. Mit 16 beginnt er zu dealen, das Geld für den ersten Vorratskauf bekommt er von seiner Mutter. Er bricht die Schule ab, prügelt sich mit andern Gangs, sprayt, kifft, chillt und hört HipHop. Eines Tages wird er beim Dealen erwischt, kommt vor den Jugendrichter und macht eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Als seine Freundin mit ihm Schluß macht, ist er niedergeschlagen, doch es ist ein anderes Ereignis, das ihn zur Musik bringt: Am 11. September 2001 fliegen zwei entführte Flugzeuge in das World Trade Center. Für Bushido ist es das »Krasseste, was er je gesehen hat«. Bei dem Anblick des Leids muß er an seine Freundin denken und will nur eins: Leben! Er schreibt seinen ersten Song und legt den Grundstein für seine Karriere.

Und da beginnt die Ratlosigkeit über die Diskrepanz zwischen dem (sorgfältig medientauglich konstruierten) Enfant terrible und Zeiten ändern Dich. Uli Edel inszeniert seinen Film in konventionellen Ellipsen und bleibt dabei völlig uninspiriert und milieufern. Nachdenkliche Momente des Nachts im Tourbus auf der Autobahn wechseln mit Jugenderinnerungen. Aus dem Off sinniert Bushido, teilweise unfreiwillig komisch, über sein Leben und seinen Erfolg. In seinem Spiel gibt sich Bushido bemüht, doch (durch seinen exponierten Status) dient das offenbar als künstlerische Meßlatte für die anderen Darsteller, denn Vollprofis wie Moritz Bleibtreu oder Hannelore Elsner bleiben deutlich unter ihrem Können. Schablonenhaft mäandern die Figuren mit großen Gesten in bedeutungsschwangeren Einstellungen durch das gelebte Leben. Doch trotz der scheinbar harten Jugend und dem übermäßigen Erfolg bleibt der Charakter Bushido ohne große Entwicklung und wird, ohne groß beim Zuschauer anzuecken, durch den Film gewunken. Der Cinderella-Topos greift hier nicht, denn Bushido war nicht der unbeliebte Underdog, der es allen beweisen wollte, sondern ein sich selbst überschätzender Kiezbengel, der es allen beweisen wollte. Das reicht nicht für märchenhafte Romantik, die somit auf andere Weise herbeigezaubert werden muß.

Das große Problem von Zeiten ändern Dich ist deshalb das Drehbuch von Bernd Eichinger, welches lediglich von Bushidos Autobiographie »inspiriert« wurde. Und so erscheint auch der Film: glattgebügelt, mit Blick auf Familientauglichkeit, direkt an der Zielgruppe vorbei in den Wind geschossen. Misstraut man eh schon der Legendenbildung des egozentrischen Rappers, hat man bei Eichingers Adaption immer das latente Gefühl, es würde einem ständig dreist ins Gesicht gelogen werden. Eben diese fehlgeleitete Dramatisierung, der Fokus auf die Familiengeschichte und die damit verbundene Übertreibung ersticken nicht nur jegliche Glaubwürdigkeit, sondern auch jegliches Interesse. Und wenn Bushido beim großen Finale seinen todkranken Vater zu seinem Open-Air-Konzert am Brandenburger Tor zwecks Familienversöhnung fährt und Karel Gott derweil für die unruhigen Fans die Biene Maja zum Besten gibt, dann bleibt einem schlicht die Sprache weg ob so viel Schmonzettentum. In einem seiner Songs bezeichnet sich Bushido als den unbesiegbaren Endgegner, doch es scheint, als hätte er im Duo Edel-Eichinger seine Endgegner gefunden, denen er hoffnungslos unterlegen ist. Sein komplettes Leben, eingedampft zu einem Klingelton-Drama, bei dem man weder Leidenschaft oder gar ein Brennen für die Musik spürt, geschweige denn ein Lebensgefühl. Mit der Credibility ist es spätestens nach diesem Film vorbei. Vielleicht hätte Zeiten ändern Dich das Mantra des Films, den zentralen Begriff »Respekt«, verinnerlichen sollen. Denn etwas Respekt vor dem Publikum wäre angebracht gewesen. 2010-02-04 12:05

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