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Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen

The Bad Lieutenant – Port of Call: New Orleans. USA 2009. R: Werner Herzog. B: William M. Finkelstein. K: Peter Zeitlinger. S: Joe Bini. M: Mark Isham. P: Edward R. Pressman Film, Millennium Films, Nu Image, Polsky, Saturn. D: Nicolas Cage, Val Kilmer, Eva Mendes, Fairuza Balk, Jennifer Coolidge, Brad Dourif, Michael Shannon, Xzibit u.a.
122 Min. Splendid ab 25.2.10

Wo die grünen Eidechsen träumen

Von Werner Busch Der 3. Februar 2006, am Straßenrand des Mulholland Drive in Hollywood. Ein BBC-Interview mit Werner Herzog, unweit seiner Haustür. Er sagt: »In Germany I somehow left a paved road. Nobody cares about my films.« Gerade will er noch ein Beispiel anfügen, als er von der Kugel eines Luftgewehrschützen in den Bauch getroffen wird. »It’s not an everyday thing, but it doesn’t surprise me to get shot at«, wird er im kurz darauf fortgesetzten Gespräch anmerken. Es ist genau diese Art von Anekdoten, die die Essenz des Kults um Regisseur Werner Herzog ausmachen. Dutzende ähnlich obskure Beispiele ließen sich anfügen. Und sie sind wichtig für sein Filmschaffen. Fitzcarraldo wäre nicht halb der Film, der er ist, wenn die Umstände seiner Realisierung nicht so frappierend mit der Filmrealität übereinstimmen würden. Realität und Fiktion vermischen sich um die Person Herzog herum ebenso wie in seinen Filmen. Mit The White Diamond, Grizzly Man und Encounters at the End of the World schuf er in den letzten Jahren äußerst bemerkenswerte Dokumentarfilme und feierte mit den beiden letztgenannten in den USA zwei seiner größten Erfolge überhaupt. Werner Herzog befindet sich seit guten fünf Jahren in der aufregendsten Phase seiner an Aufregungen nicht armen Karriere. Diese Phase drohte vollends unter Ausschluß des deutschen Kinopublikums stattzufinden.


Dies ändert sich nun mit deutlicher Verspätung. Mit Bad Lieutenant findet nach langen Jahren wieder ein Film seinen Weg in deutsche Lichtspieltheater. Kurz zuvor wird Herzog der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin vorstehen. Die Zeichen für eine gelungene Wiederauferstehung standen bei diesem Spielfilm trotz einer Legion klangvoller Schauspielernamen nicht sonderlich gut. Denn erst zum zweiten Mal überhaupt findet sich Herzog nicht als Drehbuchautor im Abspann seines eigenen Films. Als er bei Schrei aus Stein erstmals das Drehbuch aus der Hand gab, war das Ergebnis eine mittlere Peinlichkeit.

Da nimmt es sich schon wie ein kleines Wunder aus, daß Bad Lieutenant zu einem überaus gelungenen und stimmigen Film wurde. Der in beinahe jeder Einstellung präsente Nicolas Cage liefert darin vielleicht seine beste darstellerische Leistung überhaupt ab. In den denkwürdigsten Momenten versteigt sich seine Performance dabei in wunderbarstes Overacting, das perfekt zum ironischen Ton des Films paßt. »Turn the pig loose!«, war eine häufig geäußerte Regieanweisung. Bad Lieutenant ist ohne Zweifel Herzogs humorigster Film bislang und bietet viele Momente großartiger Situationskomik. Dabei steht vermeintlich doch eine ernste Sache im Vordergrund. Der Fünffachmord an einer Familie, Frauen und Kinder, die durch Kopfschüsse hingerichtet wurden. Das Drehbuch von Fernsehroutinier William Finkelstein ist an bräsiger Polizeiarbeit interessiert. Herzog nicht. Er legt Schwächen des Drehbuches durch seine Inszenierung augenzwinkernd offen, er ironisiert die Kriminalgeschichte, indem er mit der Filmrealität bricht, und entfernt sich schließlich in der zweiten Filmhälfte zusehends in eine eigene Welt, die mit NYPD Blue wenig zu tun hat.

Es sind eine Handvoll Szenen, die den Film völlig umkrempeln und ihn endgültig zu einem originären Herzog-Film machen. Allesamt wurden sie meist sehr spontan von ihm eingefügt und verändern den Film vollständig. Schon immer faszinierten Herzog Tiere, die wie außerirdische Lebensformen wirken, die nicht in diese Welt zu gehören scheinen. In seinen Aufzeichnungen zu den Dreharbeiten von Fitzcarraldo erwähnt er dutzendfach, daß er Käfer und Eidechsen anstarrte, die seinen Blick mit endloser Ruhe und Dummheit erwiderten. An dieser Erfahrung läßt Herzog uns in Bad Lieutenant teilhaben, indem er mit einer winzigen Stabkamera Iguanas und Alligatoren aus wenigen Zentimetern Entfernung filmt und so bildfüllend auf die Leinwand bringt. Sehr vereinzelt nur, aber dadurch umso effektiver. Diese Bilder eröffnen eine zweite Filmebene, es sind die inneren Landschaften des Protagonisten, die die Szenerie unwillkürlich bevölkern. Sie zeigen eine tief empfundene Liebe zu dieser amoralischen Figur, die das Publikum unzweifelhaft teilen wird. Realität und Fiktion, innere und äußere Welt treffen wieder aufeinander.

Der Regisseur hat sich nicht nur einen fremden Stoff angeeignet und mit seiner ureigensten Handschrift uminterpretiert, sondern liefert dadurch auch einen intimen, neuen Kommentar zu seiner Stellung in der Welt ab. Einer Welt, die ohne Traumbilder nicht lebenswert ist. Spätestens in dem wunderbaren Schlußbild findet sich alles zusammen. Die innere und die äußere Welt. Herzog und Hollywood. 2010-02-19 12:13

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