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Die ewigen Momente der Maria Larsson

Maria Larssons eviga ögonblick. DK/S/D 2008. R,K: Jan Troell. B: Niklas Rådström, Susanne Falck. K: Mischa Gavrjusjov. S: Niels Pagh Andersen. P: schneider + groos, Final Cut Productions. D: Maria Heiskanen, Mikael Persbrandt, Jesper Christensen, Amanda Ooms, Emil Jensen, Claire Wikholm, Ann Petrén, Antti Reini u.a.
131 Min. Arsenal ab 8.4.10

Erfrischend altmodisch

Von Dietrich Brüggemann Schweden ist im Moment so wahnsinnig hip, daß man sich schon richtig freut, wenn etwas aus Schweden kommt und überhaupt nicht hip ist, zum Beispiel dieser gemächliche Film des 78 Jahre alten Regisseurs Jan Troell.

Wir befinden uns im Stockholm der Jahrhundertwende. Maria Larsson hat sechs Kinder sowie einen liebevollen, ungehobelten, hart arbeitenden, dem Alkohol nicht abgeneigten und zwischendurch gewalttätigen Ehegatten. Sie bekommt einen Fotoapparat geschenkt, der nette Fotograph aus dem Laden an der Hauptstraße erklärt ihr, wie man ihn benutzt, und von da an fotographiert Maria ihr Leben, ihre Kinder, ihre Nachbarn, ihre Welt. Sigfrid, der Mann, findet das gar nicht so gut, zumal sich die Fotographie für seine Frau zu einem Nebenverdienst entwickelt, als nämlich irgendwann alle Leute aus der Nachbarschaft sich von ihr ablichten lassen. Dieser Schritt aus der ehelichen Unmündigkeit ist in jener Zeit natürlich unerhört, es kommt zum Streit, zur Trennung und zum Absturz, bevor das Paar am Ende doch miteinander auszukommen lernt.

All das erstreckt sich mit einer unglaublichen Gemütsruhe über 130 Minuten. Der Film erzählt nicht nur von einer versunkenen Zeit, er scheint auch selbst aus einer solchen zu stammen. All die Zutaten, mit denen gerade die heutigen Kostümfilme ihre Modernität zur Schau tragen – agile Kamera, temperamentvoller Schnitt, ausgesucht häßliche Komparsen, großzügig zugemüllte Straßen, digitale Stadtpanoramen – gibt es hier nicht. Der Film sieht öfter mal nach Studio aus, hängt hier und da ein bißchen durch, geht keinen geraden Weg und schildert doch am Ende die komplexe, vielschichtige Beziehung zweier Menschen mit einer ehrlichen Tiefe, der man sich kaum verweigern kann. Der Film ist wie eine liebenswürdige und zugleich umständliche ältere Dame: Man kann ihm seine Sympathie kaum verweigern. Erfrischend altmodisch oder hoffnungslos altmodisch – dieser Film ist beides auf einmal. 2010-04-07 16:04

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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