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Plastic Planet

A/D 2009. R,B: Werner Boote. K: Thomas Kirschner, Dominik Spreitzhofer. S: Ilana Goldschmidt, Cordula Werner, Tom Pohanka. M: The Orb. P: Brandstorm Entertainment, Neue Sentimental Film Austria.
95 Min. Farbfilm ab 25.2.10

Schöne neue Kunststoffwelt

Von Tamara Danicic Einmal geht der Michael Moore dann doch kurz mit ihm durch: Nachdem Werner Boote das über unserem Plastikzeitalter hängende Damoklesschwert erkannt hat, ist er wild entschlossen, den Präsidenten des europäischen Kunststoffproduzentenverbands Jon Taylor unzählige unabhängige Studien zu dem Thema um die Ohren zu hauen. Als der alle Interviewanfragen abblockt, stellt der Filmemacher ihn auf einer Messe. Natürlich verweigert der Industrielle den Dialog – und Boote, der unerschütterliche Kämpfer für die gute Sache, muß schließlich zähneknirschend das Feld räumen. Daß aus solch einer Situation nicht mehr als ein wohlfeiles »Seht her, der Vertreter der Bösewichte will die Wahrheit nicht wahrhaben!« herauskommen kann, ist absehbar. Ansonsten eignet Werner Boote sich keineswegs die Hau-den-Lukas-Attitüde des amerikanischen Profiquerulanten an. Sein Anliegen ist durchaus ein aufrichtiges, seine Triebfeder etwas, was im Alltag des Fernsehjournalismus und formatierter Dokus immer weiter zermahlen wird: Neugier. Das Thema ist Boote buchstäblich in die Wiege gelegt worden. Sein Großvater war in den 1960er Jahren Geschäftsführer einer Plastikfabrik und von den segensreichen Auswirkungen des vergleichsweise neuen Werkstoffs absolut überzeugt.

Ausgehend von den Erinnerungen an seine Kindheit, in der es vor Plastikspielzeug nur so wimmelte, macht der österreichische Regisseur sich auf, den Gegenstand der Betrachtung von den verschiedensten Seiten einzukreisen – vom Topschönheitschirurgen Hollywoods oder Gunther von Hagens Mumien-Gruselkabinett über hormonell aus dem Lot geratene Menschen und Tiere bis hin zu den verheerenden Auswirkungen auf die Weltmeere. Dabei wird die nostalgische Erinnerung an den ersten eigenen (Plastik-)Spielzeugbagger zunehmend von der Sorge über ein nicht mehr zu bändigendes Monster überlagert.

Allerdings zeigt sich, daß eigene Wißbegierde nicht immer zu echter Aufklärung führt. Zu erratisch wirkt die Suche nach dem wahren Wesen der »Legos für Erwachsene« (wie ein Chemiker Kunststoffe beschreibt), zu oft springt der Film, geographisch wie thematisch – bis am Ende nur noch ein bedauerlich diffuses Gefühl der Bedrohung zurückbleibt. 2010-02-18 13:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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