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In meinem Himmel

The Lovely Bones. USA/GB/NZ 2009. R,B: Peter Jackson. B: Fran Walsh, Philippa Boyens. K: Andrew Lesnie. S: Jabez Olssen. M: Brian Eno. P: WingNut Films, FilmFour, Key Creatives. D: Mark Wahlberg, Rachel Weisz, Saoirse Ronan, Susan Sarandon, Stanley Tucci, Michael Imperioli, Rose McIver, Charlie Saxton u.a.
139 Min. Paramount ab 18.2.10

Susies Welt

Von Jakob Stählin Für den ein oder anderen mag es Mitte der 1990er Jahre überraschend gewesen sein, daß Peter Jackson, der Splatter-Regisseur, mit Heavenly Creatures einen Film machte, der ernstere Töne anschlug. Doch einige Jahre und Welterfolge später wird unmißverständlich klar, daß man einem Irrtum erlegen ist, denn der kleine Neuseeländer ist weniger einem Genre verpflichtet als der Liebe zum Spezialeffekt. Selbst sein zeitzehrendes Amateurfilmprojekt Bad Taste funktioniert neben einer gehörigen Portion Anarchie nicht zuletzt aufgrund der liebevoll gestalteten Masken, die er, so sagt man, in Mutters Ofen buk. So verweigerte sich auch sein vermeintlicher Arthousefilm Heavenly Creatures einer bloßen Nacherzählung der Tatsachengeschichte zweier aufwachsender Mädels, die ein blutiges Verbrechen begehen, um frei zu sein, nein, er legt den Fokus auf die tricktechnisch raffinierte Visualisierung ihrer Gefühle. Szenen, die es in In meinem Himmel auch gibt; und das nicht zu knapp.

Für die Romanautorin der Vorlage, Alice Sebold, diente der Stoff zur Verarbeitung der Vergewaltigung, die sie als 18jährige erleiden mußte, und so schildert sie das Verbrechen in all seiner Grausamkeit. Die von ihr erdachte Zwischenwelt, in der sich die ermordete Susie aufhält, ist gleichermaßen Spiegel der persönlichen Bewältigung der Figur an sich und eine Metapher des Abschließens der Zurückgebliebenen. Somit wird das Wirken eines jeden Menschen in seiner vermeintlichen Nichtigkeit ernstgenommen, denn der kleine Kreis des persönlichen Umfelds ist das, was Sebold wichtig ist. So ist es mehr als treffend, daß Susie einen Hang zur Schnappschußfotographie hat, was nicht weniger als der Inbegriff der emphatischen Stilisierung des meist Unspektakulären ist.

Peter Jackson lockt den Zuschauer zu Beginn seines Films mit vertrauten Bildern und kreiert ein klassisches 1970er-Jahre-Setting. Die jungen Rachel Weisz und Mark Wahlberg liegen Camus lesend und mit pulsierender Libido im Bett, die nach einem zeitgerafften Schnitt durch die Sorgen, Ängste, aber auch Freuden junger Eltern ersetzt wird: Man liest Erziehungsbücher und strickt Wollmützen. Jacksons Inszenierung ist meisterlich: Gezielt lenkt er den Zuschauer in ein heimeliges Gefühl, eine unchaotische Welt, der man trotz seiner Pointenlosigkeit gerne beim Trott zusieht. Der Film entwickelt umgehend einen nostalgischen Charme, der nicht nur den Klamotten und der eingestreuten Musik zu verdanken ist. Es ist Romantik, die stets in seiner vollen Pracht aus der Leinwand herausblüht, die ein Gefühl der Zufriedenheit vermittelt, den Zuschauer bezirzt.

Das Zwischenreich schließlich, in das Susie nach ihrer Ermordung driftet, läßt Jackson in sein Element verfallen. Geradezu infantil läßt er die Leinwand in grellen Farben erleuchten, die leider in ihrer Komposition nicht selten an die niedere Kunstform des Airbrushens erinnern: ein üppiger Baum, dessen Blätter sich in Vögel verwandeln, die über eine herrliche Grünfläche hinwegzwitschern und Seen, wie sie Naturalisten nicht glorifizierender hätten malen können. Hinzu kommt die Stimme des Opfers aus dem Off, die über die ganze Filmlänge hinweg gepaart mit elegischer Musik die Tränendrüsen strapaziert; zweifellos funktioniert das ganz hervorragend und so wandelt der Zuschauer stets mit einer Träne im Anschlag durch Susies Welt, der man ohnehin gerne zusieht, da die junge Saoirse Ronan ihre Figur mit spürbarer Begeisterung ausfüllt.

Die manipulative Kraft Jacksons ist beeindruckend, doch es sind weitestgehend leere Emotionen, die er in Werbeästhetik verkauft. Das ist vor allen Dingen deshalb schade, da er eine Fülle an sehr fähigen Mimen hat, die mit aller Kraft versuchen, ihren Rollen ein Gesicht zu geben. Rachel Weisz etwa, die als leidende Mutter um sich und ihre Familie zu kämpfen hat, oder Susan Sarandon, die als Großmutter einen Galaauftritt zur vollständigen Einführung ihrer Figur hinlegen darf. Abgesehen von Mark Wahlberg verfrachtet Jackson all diese Protagonisten nach und nach ins Exil, springt zwischen den Welten hin und her, ohne dabei einen klaren Rhythmus zu finden.

Nimmt man den Film szenisch auseinander, so ergibt sich eine Kette an treffsicher komponierten Elementen, die umgehend vermögen, Stimmung zu erzeugen, denn handwerklich ist In meinem Himmel, sieht man von den überbordenden Effekten ab, gelungen. Sein Grundton ähnelt jedoch dem eines Esoterikseminars, und so verwundert es kaum, daß gen Ende des Films, als der Vorhang fällt, Susies Stimme aus gleißendem Weiß heraus skandiert: »Ich wünsche Ihnen ein langes und glückliches Leben.« 2010-02-12 14:51

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