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Die zwei Leben des Daniel Shore

D 2009. R,B: Michael Dreher. K: Ian Blumers. S: Wolfgang Weigl. M: Lorenz Dangel. P: Zum Goldenen Lamm, Kasbah-Film Tanger. D: Nikolai Kinski, Katharina Schüttler, Morjana Alaoui, Sean Gullette, Judith Engel, Matthias Matschke, Stefan Lampadius, Bernd Tauber u.a.
95 Min. Kinowelt ab 11.2.10

Narziß und Leumund

Von Alexander Scholz Intertextualität ist anmaßender Narzißmus. Wenn der Rezipient sie bemerkt, durchfährt ihn sogleich das wohlige Gefühl der Bestätigung – er kennt sich aus. Für manche postmaterialistischen Bohemians vielleicht die einzige emotionale Regung, die kulturelle Güter überhaupt noch verursachen können. Auf Seiten der Kunstschaffenden sorgt der bewußte Bezug auf kanonisierte Größen dafür, daß man sich einigermaßen sicher wähnen kann, etwas vergleichbar Passables geschaffen zu haben. Durch das Zitat wird die Autorität des anderen für das eigene Werk geltend gemacht. Schön, wenn sich zwei Irrtümer so produktiv ergänzen.

Man würde dem Langfilmdebüt von Michael Dreher gerne unterstellen, daß es genau diese Problematik aufgreift: Schließlich ist sein Protagonist dazu prädestiniert, ein Exempel des selbstreferentiellen Scheiterns an ihm zu statuieren. Dieses muß in Die zwei Leben des Daniel Shore aber leider ohne den Ausbruch aus dem Narzißmus auskommen. Zu einem schlechten Film macht dieser Umstand Drehers Werk allerdings nicht. Der Regisseur siedelt das eine Leben seines Hauptakteurs in Marokko an und läßt ihn von einer sorgenfrei beschwingten Handkamera begleitet seine Umgebung erkunden. Für Daniel ist es dabei nur eine schöne Aussicht, daß er vom Balkon der gemieteten Villa das europäische Festland sehen kann. Ein traumatisches Ereignis wirft ihn von der häßlichen Seite der Globalisierung auf die vermeintlich wohligere zurück. In Deutschland steht der Dolly schon bereit, um den psychisch Angeschlagenen durch die Flure seiner Wohnung zu führen. Die nun einsetzenden hastig geschnittenen Erinnerungsschnippsel kontrastieren die inszenatorischen Ansätze zusätzlich.

Der sachlichen Bildkomposition werden neben diesen Flashbacks die bisweilen skurrilen Erlebnisse in der neuen Umgebung entgegengesetzt, die der Zuschauer gemeinsam mit dem Protagonisten erlebt. Größere Freude an Drehers dramaturgischer Entscheidung hätte man, wenn er in diesen Szenen die bildungsbürgerliche Wiedersehensfreude mit dem Attribut »kafkaesk« nicht gar so beschwören würde. Diese oder andere intertextuelle Hinweise, beispielsweise auf Hitchcocks Fenster zum Hof, sind fehl am Platz, weil hier mehr zitiert als kontextualisiert wird. Ärgerlich sind sie, weil Dreher selbst über eine so exakte Filmsprache verfügt, daß jeder Verweis anorganisch wirkt. Ein Ergebnis seiner ungeduldigen Herangehensweise ist, daß der Eindruck entsteht, die Inszenierung könne ihren Gegenstand zwar pointieren, aber nicht über ihn hinausweisen. Den Beweis des Gegenteils kann Dreher in seinem nächsten Film antreten. Denn die Bürde des (über-)ambitionierten Debütfilms hat er nun hinter sich gelassen. 2010-02-05 12:57

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.
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