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Verdammnis

Flickan som lekte med elden. S 2009.
R: Daniel Alfredson. B: Jonas Frykberg. K: Peter Mokrosinski. S: Matthias -Morheden. M: Jacob Groth. P: Yellow Bird. D: Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Andersson, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin, Pelle Bolander, Thomas Lindblad u.a.
129 Min. NFP ab 4.2.10

Weitersehen, Wiedersehen, Weitergehen

Von Tamar Noort Es sind die drei Ver-Worte, die so schrecklich schwer auseinanderzuhalten sind. »Verblendung«, »Verdammnis«, »Vergebung« – die deutschen Titel der Larsson-Trilogie waren schon als Buch nicht voneinander zu unterscheiden, und nun, beim Medienwechsel, droht vollkommene Verwirrung. Wo immer die Titel der drei Bücher und nunmehr zwei Filme auftauchen, stellt sich ein leises Gefühl des Déjà-vu ein: Habe ich das jetzt schon gesehen? Gelesen? Kenne ich das nicht bereits?

In Forenbeiträgen zu den Büchern schmeißen Leser die Titel munter durcheinander, es scheint auch nicht besonders wichtig zu sein, von welchem Teil man gerade redet. Die umständlichen Titel im schwedischen Original, »Männer, die Frauen hassen«, »Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte« und »Das Luftschloß, das gesprengt wurde«, erschienen offenbar nicht kompatibel für den deutschen Markt, sodaß die Trilogie hierzulande im Einheitsbrei getauft durchs Leben geht. Tatsächlich hat Larsson die Geschichte so angelegt, daß die drei Bücher kaum losgelöst voneinander zu lesen sind – der zweite und dritte Teil etwa gehen nahtlos ineinander über. Für die Verfilmung der Trilogie birgt das natürlich Probleme. Eine einzige Geschichte durch drei zu teilen und gesondert ins Kino zu bringen funktioniert nur, wenn die Filme auch für sich allein stehen können – Verdammnis allerdings, als zweites Werk der Trilogie, ist der klassische Sandwich-Film. Optisch eine Fortführung des ersten Teils, inhaltlich eine Exposition des dritten, orientiert sich der Film nach vorne und nach hinten, ohne in der Mitte zu wirken – er funktioniert eben ausschließlich als Glied in der Kette.

Mit der ersten Verfilmung, Verblendung, konzentrierte Niels Arden Oplev sich auf das, was die Bücher auszeichnet: die unangepaßte Hauptfigur Lisbeth Salander, die ziemlich unfreundlich daherkommt und dennoch jeden sofort für sich gewinnt. Die Figur ist eine Art weiblicher Jack Bauer:- Sie ist in jeder Hinsicht kompromißlos, ihre Härte bringt sie konsequent nicht nur ihren Mitmenschen, sondern auch sich selbst entgegen. Niels Arden Oplev hatte in Verblendung um Lisbeth Salander ein düsteres Universum geschaffen und dieser so geradlinigen, starken Figur mit Noomi Rapace ein glaubwürdiges Gesicht verliehen.

Daniel Alfredson tritt nun mit Verdammnis gleich in zweierlei Hinsicht ein schweres Erbe an: Die Neugierde der Zuschauer auf die Optik der Larsson-Welt, die bislang nur in den eigenen Köpfen existierte, ist mit dem ersten Teil fürs erste gestillt – und die Geschichte an sich bietet für einen Großteil der Zuschauer auch keine Überraschungen. Alfredson hätte aus dieser Not eine Tugend machen und eine eigene Vision entwickeln können – doch sein Film hält sich sklavisch an die Buchvorlage. Lisbeth Salander kehrt zurück nach Schweden und gerät ins Fadenkreuz eines Komplotts aus Mädchenhändlern, das ihr die Verantwortung für drei Morde in die Schuhe schieben will. Der einzige, der an ihre Unschuld glaubt und auf eigene Faust den Fall aufklären will, ist der Journalist Mikael Blomkvist.

Wenn ein Déjà-vu ein Phänomen ist, bei der eine Situation als Erinnerung erscheint, die tatsächlich gerade eben erst erlebt wird, dann bietet Verdammnis mit jeder -neuen Wendung kleine Déjà-vus: Der Film produziert die Illusion eines bereits gesehenen Films. Unvermeidlich stellt sich Langeweile ein – vor allem, weil der Fall, an dem Salander und Blomkvist arbeiten, im zweiten Teil nicht wirklich gelöst wird. Der Film begleitet Salanders Rachefeldzug gegen Zala, einen Schwerverbrecher, der ihr schon seit ihrer Kindheit zusetzt und mit dem sie ein für alle mal abrechnen will. Weil aber Verdammnis lediglich eine -Passage zwischen Verblendung und Vergebung ist, werden die Konflikte ziemlich langatmig erzählt.

Die Filme haben dieses Problem aus den Büchern übernommen: Auch in literarischer Form ist der zweite Teil der schwächste der Trilogie. Doch die Bücher haben den entscheidenden Vorteil, daß man sie nicht getrennt voneinander lesen muß – als einheitliche Geschichte funktionieren die drei Bände gut, mit gelegentlichen Längen.

Insofern liegt dem Einheitsbrei der Titelgebung vielleicht die Absicht zugrunde, die drei Filme mögen so organisch miteinander verschmelzen wie die Bücher. 2010-01-29 14:11

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