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She, A Chinese

D/GB/F 2009. R,B: Xiaolu Guo. K: Zillah Bowes. S: Andrew Bird. M: John Parish. P: intervista digital media, Tigerlily Films. D: Lu Huang, Yibo Wei, Geoffrey Hutchings, Chris Ryman.
102 Min. Camino ab 4.2.10

Verbummelt

Von Gerrit Booms Da ist eine junge Frau. Sie lebt in einem entlegenen Dorf. Das findet sie irgendwie nicht so toll. Deswegen geht sie mit dem Erstbesten in die Stadt. Dort trifft sie den Zweitbesten. Der träumt von London, ohne zu wissen, wo das liegt. Also geht sie auch dahin. Dort trifft sie auf den Drittbesten. Der weiß, wie man ein Bankkonto einrichtet, ist aber schon ziemlich alt. Darum geht sie zum Viertbesten. In She, A Chinese stolpert Mei (Huang Lu) ohne feststellbare Motivation durch ein Leben, das sie scheinbar jederzeit problemlos von sich streifen könnte.

Die chinesische Regisseurin und Autorin Xiaolu Guo möchte im Namen der jungen Generation ihres Landes ein Zeichen gegen die Arbeitseifer- und Gemeinschaftsparolen und für die Individualität setzen. Ohne Drehgenehmigung erarbeitet, schmuggelte sie täglich Material dieses Filmes aus dem Land und stellte ihn mit durchaus vielversprechender Unterstützung (u.a. Andrew Bird im Schnitt, John Parish bei der Filmmusik) in Europa fertig. Vielleicht ist es dieser Einsatz, den die Festivaljury in Locarno belohnen wollte. Denn in der filmischen Gesamtkomposition dürfte sie keine Impulskraft gesehen haben.

Für die Identitätssuche in einer globalisierten Welt setzt -Xiaolu Guo auf absolut bewegende Großstadtmotive, indem sie Vergewaltigung, Prostitution, Gewalt und Religion in die Geschichte ihrer -Protagonistin einfließen läßt. Und doch: Heraus kommt nichts als eine gelangweilte Göre, ohne eigene Vorstellungskraft und mit der wohl vollkommensten Naivität seit langem. Die unbegrenzte Welt steht hier genau so offen wie Meis Mund. Die kennt sich zwar mit der Bedienung jedes beliebigen iPod-Modells aus, ist dann aber wiederum von einem Motorroller zu beeindrucken – von der Anziehungskraft der Männer ganz zu schweigen. Da paßt es ironischerweise, daß die Reisende allein beim Essen die Spur einer Sinnlichkeit entwickelt, die sie in allen anderen Belangen schmerzlich vermissen läßt.

Durch diese Hauptfigur – es bleibt dahingestellt, ob ihre Rolle so einseitig geschrieben oder so ideenlos gespielt ist – geht dem Film eine Unmenge an Potential verloren: Die realistischen Bilder aus einem China, das man so wohl nur selten zu Gesicht bekommt, fernab der Metropolen und Boomregionen, die kulturelle Isolation einer illegalen Asiatin in Europa oder gar die Emanzipation einer jungen Frau. Die starken Momente (sowohl in den Emotionen als auch in der Bildsprache) stehen alleingelassen im Gesamtkontext. 2010-02-02 11:21

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.
© 2012, Schnitt Online

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