— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Welcome

F 2009. R: Philippe Lioret. B: Emmanuel Courcol. K: Laurant Dailland. S: Andrea Sedlácková. M: Nicola Piovoni, Wojciech Kilar, Armand Amar. P: Nord-Ouest Productions. D: Vincent Lindon, Derya Ayverdi, Firat Ayverdi, Audrey Dana, Olivier Rabourdin, Thierry Godard, Murat Subasi, Selim Akgul u.a.
110 Min. Arsenal ab 4.2.10

Die Stille nach dem Schuß

Von Martin Thomson Eines muß man den kitschigen Rührstücken lassen, in denen jeder Anflug von Emotionalität mit süßlicher Orchestralmusik unterlegt wird: Sie sind nicht unbeteiligt am Bemühen einiger weniger Filmemacher, eine Haltung einzunehmen, mit der sich die Anteilnahme ihrer Zuschauer auf glaubwürdigere Weise wecken läßt als mit emotionalen Schockmomenten. Hier und da taucht immer mal wieder ein Film auf, der sich nicht scheut, die im wirklichen Leben spärlichen, aber nichtsdestotrotz vorhandenen Augenblicke zu thematisieren, in denen sich Menschen auf tiefgreifende Weise wandeln oder von weit hergeholten Träumen angetrieben werden.

Die Beiläufigkeit, mit der auch in Welcome zwischenmenschliche- Beziehungen an einem flüchtigen Blickkontakt und Schicksalsschläge an symbolträchtigen Gegenständen festgemacht werden, lassen das Emigrantendrama von Philippe Lioret weit aus dem Gros konventioneller Sozialschmonzetten herausragen. Es ist diese Zurückhaltung, die hier jede Rückblende überflüssig und jeden wuchtigen Musikeinsatz nur unpassend erscheinen lassen würde. Gerade in seinen stillsten Momenten ist der Film die lauteste Anklage gegen jene menschenfeindliche Politik, mit der in Europa Flüchtlingen aus Krisengebieten mit Gleichgültigkeit oder Brutalität begegnet wird.

Es sind nur Blicke, über die hier Geschichten erzählt werden. Nur Beiläufigkeiten, die einen emotional gefangennehmen. Blicke, die über gesetzte Grenzen hinweg zu träumen scheinen. Die am Gegenüber abprallen, das ihnen eine Antwort, eine Chance, eine Zukunft schuldig bleibt. Kameraschüsse auf Gesichter, in denen sich verlorengegangene oder mit waghalsigen Unterfangen verknüpfte Träume spiegeln. Kamera-Gegenschüsse auf die Gesichter von gleichgültigen Grenzbeamten oder Richtern, auf das Gesicht der Ehefrau, die gegangen, auf das Foto der Freundin, die in unerreichbare Ferne gerückt ist: Sie haben sich für die beiden Hauptfiguren zwischen Wirklichkeit und Traum positioniert wie der eiskalte -Ärmelkanal zwischen der französischen und der britischen Küste, den Bilal, ein minderjähriger Flüchtling aus dem Irak, zu durchschwimmen gedenkt, um zu seiner Freundin zu gelangen.

Vertrauensvoll begibt man sich als Zuschauer mit Lioret und seinen einfühlsamen Schauspielern auf die Reise und gelangt, ähnlich wie die Figuren, an ein Ufer, an dem ein anderer Film jenseits der Grenze verborgen liegt: Das Rührstück, das er nicht ist. Dabei hätte man ihm ab diesem Punkt ein Happy End durchaus zugestanden. Vielleicht bedarf es aber auch einer gerechteren Welt, damit auch mal ein Happy-End so glaubwürdig daherkommen kann wie Liorets Film, der sich ihm verweigert. Oder eben mehr Filme wie Welcome, die das Potential haben, sie besser zu machen. 2010-01-28 13:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap