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Universalove

A/L/SRB 2008. R,B,S: Thomas Woschitz. B: Andrea Piva. K: Enzo Brandner. S: Frederic Fichefet. M: Naked Lunch. P: Kranzelbinder Gabriele Production. D: Anica Dobra, Dusan Askovic, Damien Smith, Sri Gordon, Daniel Plier, Sascha Migge, Liza Machover, Samir Menouar u.a.
80 Min. Neue Visionen ab 28.1.10

Symphonie der Großstädte

Von Lena Serov Das Musikvideo ist seit den 1980er Jahren nicht mehr aus der Popmusik wegzudenken, und nicht zuletzt, weil das Musikfernsehen zu dieser Zeit aufkam. Doch seitdem verbreitungswirksame Plattformen wie MySpace und YouTube es allen erlauben, ihre Musikvideos zu eigenen und fremden Songs zu platzieren und das Musikfernsehen dazu übergegangen ist, fast ausschließlich Reality-Formate zu produzieren, wurde die Bedeutung des Musikvideos als ästhetisch und werbewirksam distinktes Produkt nivelliert. In seinem Film Universalove huldigt Thomas Woschitz dem Videoclip, indem er es auf die epische Größe eines Spielfilms stilisiert, und hebt ihn somit aus der Masse musikalischer Kurzfilmchen heraus.

Marseille, Rio de Janeiro, Belgrad, Tokio, Luxemburg und New York – das sind die urbanen Schauplätze, in denen Woschitz seine Figuren, die alle vom Suchen und Finden der Liebe und dem Ringen um sie getrieben sind, verortet und in flüchtigen Momentaufnahmen schildert. Im Unterschied zum Videoclip mit seinen rasanten Schnitten und schnellen Bilderfolgen lassen sich Woschitz und sein Kameramann Enzo Brandner Zeit, die Figuren vor dem Hintergrund der charakteristischen urbanen Kulissen zu zeigen, sie aber gleichzeitig in Nahaufnahmen zu isolieren und abstrahieren – sie eben zu universalisieren. Die dialogarmen Bilder bilden dabei stets die Oberfläche, auf denen die meist in Großaufnahme fotographierten Gesichter als Fläche für die sich als Affekt materialisierende Gefühle erscheinen. Verfremdet durch gleißendes Licht, Rauschen, Flimmern und Zittern zeugen sie von Experimentalität und betonen damit aber gleichzeitig ihre Zweidimensionalität. Sie blieben oberflächliche Zeichen und Projektionsflächen einer Universalgrammatik der Liebe, wenn nicht die Musik von Naked Lunch, die maßgeblich an der Konzeption und Dramaturgie dieser Großstadtsymphonie beteiligt war, ihnen Raum, Atmosphäre und Tiefe verleihen würde.

Universalove ist nicht die erste Zusammenarbeit von Naked Lunch und Thomas Woschitz, die immer neben dem konventionellen Kinoraum nach anderen Präsentationsformen suchen. Dabei dienen ihnen der museale Installationsraum oder das Filmkonzert als alternative Formen der Verbindung von Musik und Bild zu dem bilderzentrierten Großleinwandkino. Die Entwicklung des Konzeptsoundtracks begleitete die Filmproduktion und umgekehrt. Die Musik verhält sich zu dem Film aber nicht tautologisch, indem sie die musikalische Abbildung der filmischen Sprache sucht. Die mal melancholischen, mal eruptiven Klänge rhythmisieren vielmehr den Film, laden ihn mit neuen Sinngehalten auf und verbinden die einzelnen Episoden zu einem Ganzen. Die Musik verleiht den stillen und leisen Gesten der Zuneigung ihr Pathos oder legt die Drastik offen, mit der Liebe versucht, sich ihren Weg zu bahnen. Sie zeigt auch, daß Popmusik mit ihren konventionalisierten Formen der Ausdrucks- und Darstellungsästhetik die Liebe tatsächlich in ihrer Wahrnehmung universal gemacht hat, ihr aber nichts von ihrem Anspruch auf subjektive Erfahrung und Authentizität genommen hat. 2010-01-26 15:34

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