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Can Go Through Skin

Kan door huid heen. NL 2009. R,B,S: Esther Rots. K: Lennert Hillege. M: Dan Geesin. P: NFI, Nederlands Film Instituut, Rots Filmwerk. D: Rifka Lodeizen, Wim Opbrouck, Chris Borowski, Elisabeth van Nimwegen, Tina de Bruin, Mattijn Hartemink, Roel Goudsmit, Anita Donk u.a.
94 Min. Arsenal ab 28.1.10

Haut of order

Von Alexander Scholz »Die ›Psychologie‹ ist nur eine dünne Haut über der ethischen Welt, in der der moderne Mensch seine Wahrheit sucht – und verliert.« Diese Haut ist so dünn, daß Michel Foucaults kulturhistorische Frage nach den Definitionsgrundlagen geistiger Gesundheit ihr bereits erste Risse beibringt. Trotzdem ist das Gewebe dick genug, um noch als trennende, wenn auch verletzliche Grenze wahrgenommen zu werden – zwischen gesund und ungesund, Realität und Wahn, Erlebtem und Erzähltem. Das Lichtspiel hat ein wenig gebraucht, um sich von dem Verdacht zu emanzipieren, per se ein Instrument der Massenhypnose und der Manipulation zu sein. Trotzdem eignet sich das Medium Film nach wie vor besonders gut, um ein Überschreiten eben jener scheinbar eindeutigen Grenzen zu suggerieren: Gerade dadurch, daß gute Filme nicht zuverlässig erzählen, stellen sie die Frage nach den Grundlagen des Erlebens.

Was Marieke im Prolog von Can Go Through Skin erlebt, entbehrt jeder sichtbaren Grundlage. Gerade von ihrem Freund verlassen, sitzt sie trinkend in ihrem Wohnzimmer, als ein Fremder in ihr Haus eindringt und sie brutal überfällt. Der Mann wird gefasst und den standardisierten gesellschaftlichen Sanktionen zugeführt, während Marieke gedemütigt und einsam zurückbleibt. Die junge Frau reagiert konsequent und wendet sich von der Gesellschaft ab. Diese scheint so sehr bemüht, die Normalen von den Anormalen zu trennen, daß die Leiden der jungen Frau unter den Tisch fallen, während der Gewalttäter „resozialisiert“ wird. Marieke entscheidet sich spontan dazu, ein Haus auf dem Land zu kaufen und aus der Großstadt Amsterdam zu flüchten. Fortan stehen die klar gezogenen Mauern des heruntergekommenen Hauses für Mariekes psychische und physische Isolation. Das Innere des eindeutig definierten Raumes ist Schauplatz der Uneindeutigkeiten zwischen möglicherweise Erlebtem und augenscheinlich Erzähltem. Zusätzlich steht die Renovierung des Hauses für den psychischen Stabilisierungsprozeß der Protagonistin. Man kann zurecht argwöhnen, daß Can Go Through Skin durch diese Mise en scène etwas metaphorisch überladen daherkommt. Diese Herangehensweise ist jedoch weniger einer überambitioniert inszenierenden Regisseurin anzulasten, als vielmehr deren Misstrauen gegenüber einem Zuschauer, der es bequemer findet, Unterscheidungen als eindeutig und irreversibel wahrzunehmen. Esther Rots muss sich allerdings fragen lassen, ob es denn unbedingt ein ständiger Metaphernbeschuß sein muss, der in diesem nahezu dokumentarischen Drama die Frage nach der Wirklichkeitswahrnehmung etwas hölzern in den Vordergrund drängelt.

Der unruhigen Handkamera, die Marieke begleitet, ist es derweil gleich, ob ihr Objektiv auf Mariekes Realität oder ihren Wahn gerichtet ist. Allein dadurch unterstreicht sie die Durchlässigkeit und die Beliebigkeit zuverlässiger Erzählung eindringlicher als jede bildliche Übertragung. Indem die Inszenierung nicht zwischen dem Diesseits und dem Jenseits von Mariekes Haut unterscheidet, torpediert Can Go Through Skin die Grenze von Innen und Außen auf verstörende Art und Weise. Man fühlt sich an Michael Hanekes geniale Entscheidung aus Caché erinnert, die Bildqualität der anachronistischen Videokassetten nicht von der scharfen filmischen Realität abzuheben. Rots’ Ziel ist es jedoch, nie einen explizit medienkritischen Ansatz zu verfolgen. Trotzdem stellt sie dem ständigen Hinterfragen von Grenzen in einigen Szenen einen Raum gegenüber, der keine Beschränkungen kennt und somit einen Ausweg aus Mariekes Isolation darstellt. Das Internet bietet ihr noch mehr als die ländliche Einöde die Möglichkeit, ihre Ängste anonym zu artikulieren und Hilfe von Anderen zu erhalten. Daß es erst der entgrenzenden Anonymität bedarf, damit sich eine Gesellschaft um die Probleme ihrer vorgeblich normalen Mitglieder kümmert, ist eine recht trostlose Aussicht. Das Gefängnis, dem Mariekes Peiniger zugeführt werden soll, ist dabei das eingrenzende Äquivalent für die Anormalen. Nicht von ungefähr verläßt Marieke das Gericht, während des Prozesses gegen den jungen Mann. Dies ist kein Eingeständnis von weiblicher Schwäche, sondern ein Aufbegehren gegen eine Normativität, die so eindeutige Differenzierungen vorgibt, daß nur noch selbst erschaffene Grauzonen erträglich erscheinen. Filme überhaupt und speziell dieser tun gut daran, diese Kampfzone immer mehr auszuweiten und so zu helfen das Unglück der »ethischen Welt« zu kompensieren. 2010-01-26 19:43
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