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Sherlock Holmes

USA 2009. R: Guy Ritchie. B: Michael Robert Johnson, Anthony Peckham, Simon Kinberg. K: Philippe Rousselot. S: James Herbert. M: Hans Zimmer. P: Silver Pictures, Village Roadshow Pictures, Wingram Productions u.a. D: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Eddie Marsan, Kelly Reilly, Geraldine James, Robert Maillet u.a.
128 Min. Warner ab 28.1.10

Indiana Holmes

Von Nils Bothmann Guy Ritchies Wiederbelebung des kultiviert-exzentrischen Meisters der Deduktion aus der Feder Arthur Conan Doyles ist alles andere als eine klassische Adaption der Holmes-Geschichten. Das investigative Talent des Detektivmaestros scheint immer wieder durch, doch der neue Holmes ist weniger gemütlicher Ermittler, mehr gebildeter Draufgänger in der Tradition von Indiana Jones. Dementsprechend verschreibt sich Sherlock Holmes dem modernen Blockbusterkino, die Geschichte um Holmes’ Ermittlungen ist trotz diverser Plot-Twists sekundär, stellenweise fast banal, allenfalls das Wie der Ermittlungen zählt, während am guten Ausgang der Geschichte für beinahe alle Beteiligten nie ein Zweifel besteht. Die Attraktion von Sherlock Holmes liegt vielmehr in der Art, wie Ritchie die Spektakelattribute einer typischen Joel-Silver-Produktion mit typisch britischem Understatement und »tongue in cheek«-Humor anreichert, in der Paarung von flott geschriebenem Wortwitz und nie ins Alberne abdriftendem Slapstick.

Die Abenteuer von Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und seinem treuen Sidekick Dr. John Watson (Jude Law) inszeniert Ritchie als viktorianisches Buddy Movie um zwei eingespielte Partner, die nicht wirklich miteinander, aber noch weniger ohne einander ermitteln können, ähnlich wie die Heroen aus Michael Bays Bad Boys-Filmen. Gleichzeitig frönt Sherlock Holmes der fröhlichen Zitatkultur; im Gegensatz zu Quentin Tarantino, der direkte und indirekte Verweise liefert, werden lediglich Edgar Allan Poes »Auguste Dupin«-Geschichten, der literarische Ursprung aller Detektiverzählungen, direkt erwähnt. Indirekt bedient sich Sherlock Holmes hingegen breit in der Filmgeschichte, zitiert verschiedenste Genres. Den Actionfilm: Die Kampfszenen sind eine Mischung aus klassischem Boxen und den modernen Techniken des Grappling und des Kali Sikaran, die von der Bourne-Trilogie populär gemacht wurden. Den Horrorfilm: Der Topos des aus dem Grab zurückgekehrten Exekutierten kennt man aus Werken wie Wes Cravens Shocker, die mit okkulten Symbolen vollgekritzelte Zelle aus Die Mächte des Wahnsinns. Den Verschwörungsthriller: Geheimbünde in der Tradition von From Hell und Illuminati spielen eine Rolle. Die Screwballkomödie: Mit der Meisterdiebin Irene Adler (Rachel McAdams), der einzigen Frau, bei der Holmes jemals wirklich schwach wurde, liefert sich Holmes immer wieder Wortgefechte, welche die unterschwellige Zuneigung beider Figuren füreinander verdecken sollen.

Doch auch die klassischen Holmes-Topoi werden zumindest zitiert. Holmes tritt als Vertreter der Ratio und der Wissenschaft auf, der deduktive Maßnahmen wie Spurensuche und Autopsien anwendet, sein Gegner Lord Blackwood (Mark Strong) hingegen hat sich der schwarzen Magie verschrieben – verweist sein Name doch auf Algernon Blackwood, einen Zeitgenossen Arthur Conan Doyles und Autor übernatürlicher Fiktion. Ganz klassisch ist es von daher Holmes’ Aufgabe zu beweisen, daß hinter jedem Trick Blackwoods eine rationale Erklärung steckt. Selbst Holmes’ Nemesis, Professor Moriarty, wird bereits etabliert, seine Involvierung am Ende des Films enthüllt – ähnlich wie die an Batman gelieferte Spielkarte am Ende von Batman Begins, welche die Weichen für The Dark Knight stellte.

Guy Ritchie, der zuletzt mit Revolver und Rock'N'Rolla etwas im eigenen Saft schmorte, bleibt seinem Hang für witzig erzählte, visuell beeindruckende Unterweltgeschichten treu, entwickelt sich aber dennoch weiter, ist Sherlock Holmes doch vielmehr die Geschichte eines Superhelden ohne Superkräfte, eine Gaunergroteske wie die vorigen Ritchie-Filme. Ein Casting-Coup (und ein weiteres Zitat) ist die Besetzung des ehemals suchtkranken Robert Downey Jr. als drogensüchtigem Detektiv, wobei Sherlock Holmes diese dunkle Seite seines Helden ganz mainstreamtauglich nur andeutet, aber nicht ausbuchstabiert. Downey Jr. erweist sich erneut als Maestro des trockenen Humors, der selbst dann großartig ist, wenn er einfach nur eine Geige wie eine Gitarre spielt und das Instrument anschließend salopp in die Ecke knallt. Ein solcher Hauptdarsteller braucht starke Mitspieler, um nicht zu dominant zu sein, doch mit Jude Law als unterkühltem Watson und Rachel McAdams als ebenso schöne wie undurchsichtige Gaunerin hat Ritchie die richtigen Sparringspartner für Downey Jr. gefunden. Und getreu der These, daß ein starker Held einen mindestens ebenso starken Fiesling braucht, versprüht Mark Strong ein unglaubliches Charisma und beweist erneut, daß er die Fähigkeit besitzt, eine Neben- zur heimlichen Hauptrolle zu machen – wie schon als Königssohn in Der Sternwanderer, als Geheimdienstchef in Body of Lies, als Gangster in Rock'N'Rolla.

Sherlock Holmes mag als Zitatkino nicht die beinahe experimentelle Meisterschaft von Quentin Tarantinos letztjährigem Inglourious Basterds erreichen, doch Guy Ritchies Umdeutung des Holmes-Mythos ist Blockbusterkino ohne große narrative Substanz, aber mit viel Witz und Herz, ein durchweg unterhaltsamer, charmanter Schelmenstreich, dessen Fortsetzung gerne kommen darf. 2010-01-26 13:15

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