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Die Frau mit den 5 Elefanten

D/CH 2009. R,B: Vadim Jendreyko. K: Niels Bolbrinker, Stéphane Kuthy. S: Gisela Castronari. M: Daniel Almada, Martin Iannaccone. P: Filmtank Hamburg.
97 Min. RealFiction ab 28.1.10

Beim Deuten der Zwiebel

Von Lena Serov Nicht nur Günter Grass diente die Zwiebel bereits als literarisches Konzept, welches die Freilegung der eigenen Vergangenheit Schicht für Schicht versinnbildlicht. Swetlana Geier bemüht ebenfalls die Metapher der Zwiebel, unter deren einer Schicht eine weitere Zwiebel zum Vorschein kommt, um das Verfahren der Geschichte in der Geschichte bei Dostojewskij zu veranschaulichen. Für sie ist das Alltagsleben reich an poetischen Bildern, wenn sie z.B. auf die Analogie von Textilien und Texten verweist, die doch beide Gewebe seien, deren Strukturen ineinander laufen, oder sie in dem weißen Laken das Bild der Reinheit einer weißen Schneelandschaft, die sie bei Tolstoi beschrieben findet, entdeckt.

Diese Konstellation von Alltäglichkeit und literarischer Arbeit ist es, in der der Zuschauer sich mit dem Portrait Swetlana Geiers, der bekanntesten Übersetzerin russischer Werke u.a. von Puschkin, Tolstoi, Solschenizyn und Bulgakow, zunächst vertraut macht. Man sieht sie beim Kochen und Einkäufe besorgen, und im Kreise ihrer großen Familie. Und man schaut ihr zu, wie sie jedesmal in den Büchern tief versinkt und mit der Hilfe ihrer ebenfalls inzwischen betagten Assistenten jedes Wort bei der Übersetzung abwägt – eine Arbeit, die viel Geduld und Hingabe abverlangt. Der Regisseur Vadim Jendreyko, der sich behutsam dieser zerbrechlich wirkenden Frau annähert, übersetzt seine Begegnung mit Swetlana Geier in wohlkomponierte, in matten Tönen gezeichnete Kabinettbilder voller Stille und Andacht. Lebendigkeit verleiht ihnen die Lichtregie und die wache Präsenz seiner Protagonistin, wenn sie über die unaufhörliche Suche nach dem Original in der Übersetzung, die Verluste der Übertragung in eine andere Sprache und die poetische Klanglichkeit des Russischen und Deutschen reflektiert.

Die Dokumentation blickt aber auch in die bewegte Vergangenheit von Swetlana Geier, die vor ihrer Heirat Swetlana Iwanowa hieß. Geiers Reise zu ihrem ukrainischen Heimatort, den sie seit ihrer Flucht im Jahre 1943 nicht mehr besucht hat, und an den sie nun in Begleitung des Regisseurs und ihrer Enkelin zurückkehrt, ist gleichsam eine Zeitreise, die Jendreyko mit historischen Archivbildern und Fotographien dokumentiert. Mit 15 erlebt sie die Gefangennahme ihres Vaters durch das stalinistische Regime, den sie nach seiner Freilassung fortan pflegen muss, bis er einige Monate später an den Folgen der Misshandlungen während der Inhaftierung verstirbt. Als die deutschen Truppen in Kiew einmarschieren, wird sie aufgrund ihrer Deutschkenntnisse von den Nazis als Dolmetscherin eingesetzt. Kurz darauf verliert sie ihre beste Freundin, als die SS 30.000 Juden hinrichtet und den Ort Babin Jar in ein Massengrab verwandelt. Nach der Kapitulation der deutschen Truppen in Stalingrad ist klar, daß sie als Kollaborateurin keine Chancen auf ein Studium, das ihr in all der Zeit als festes Ziel vor Augen steht, in ihrem Heimatland hat, woraufhin sie sich mit ihrer Mutter den Deutschen anschließt. Trotz dieser verlustreichen und leidvollen Erlebnisse ist ihr Verhältnis zu den Deutschen, die ihr als Helfende begegnet sind und ihr den Ausweg aus dem Ostarbeiterlager durch ein Stipendium ermöglichten, von Dankbarkeit geprägt. In ihnen sieht sie vor allem die Menschen und assoziiert sie nicht mit den Gräueltaten, an denen sie mitgewirkt haben. Eine Aussage, die irritiert angesichts der Konfrontation mit den Massenverbrechen zwei totalitärer Regimes, deren Zeugenschaft und persönliche Verluste sie sich stets präsent hält.

Die Frau mit den 5 Elefanten zeichnet ein komplexes Bild seiner Protagonistin, löst nicht die großen Widersprüche einer ereignisreichen Biographie, in der die Zeitgeschichte solch deutliche Spuren hinterlassen hat, und folgt mit seinen Bildern dem Tempo ihrer Erzählung. Am Ende konstatiert Swetlana Geier in ihrem sanften und bedächtigen Ton, als sie die fünf »Elefanten«, die fünf großen Werke Dostojewskijs – bei deren Titelübersetzung sie sich nah am russischen Original hielt, als sie z.B. den Titel »Schuld und Sühne« in »Verbrechen und Strafe« umschrieb – vor sich auf den Schreibtisch stapelt: »Man übersetzt das nicht ungestraft.« Demgegenüber bleibt der Zuschauer, der in das Leben einer faszinierenden Intellektuellen blickt, nicht unberührt. 2010-01-25 16:34

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