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Die Affäre

Partir. F 2009. R,B: Catherine Corsini. K: Agnès Godard. S: Simon Jaquet. P: Pyramide Productions, Caméra One, VMP, Solaire Production. D: Kristin Scott Thomas, Sergi Lopez, Yvan Attal, Bernard Blancan, Aladin Reibel, Alexandre Vidal, Daisy Broom, Berta Esquirol u.a.
85 Min. Alamode ab 28.1.10

Klassenkrampf

Von Matthias Wannhoff Mit dem Kurieren von Körpern verdienen sie ihr Geld, doch den chronischen Trümmerhaufen zu kitten, der wohl einst ihre Liebe zueinander war, vermögen die Eheleute in Catherine Corsinis Film nicht. Ein Ruck muß her, der dieses kranke Gefüge aufzubrechen versteht – gleich einem Unfall, wie er über den erzählerischen Behelf der losen Handbremse auch bald die Kinoleinwand heimsucht. Für die müde Gattin und den lädierten Fremden zaubert dieses Unglück eine Episode vor allem körperlicher Befriedigung herbei, bis die Amour fou schließlich dahin führt, wo sie begann: ins (eheliche) Gefängnis.

Dreht sich Die Affäre schon durch seine nicht-lineare Erzählung wortwörtlich im Kreis, so gebiert sich der Film auch darüber hinaus als Drama der expliziten Verweise, der beim Wort genommenen Metaphern. Subtil ist hier wenig, weshalb die Geschichte der frustrierten Hausfrau, die ihren Gemahl mit einem bulligen Schwarzarbeiter betrügt, auch vom Betrogenen selbst auf die Formel gebracht wird: »la bourgeoise et le prolo«. So wirklich mag man dem unterkühlt gezeichneten Mediziner da gar nicht widersprechen, erzählt Corsini doch den sozialen Abstieg im Zeitraffer: Ihres zwar gut betuchten, aber leidenschaftslosen Daseins überdrüssig, nimmt die in Frankreich lebende Mittvierzigerin Suzanne ihre Arbeit als Physiotherapeutin wieder auf und ahnt nicht, daß sie sich bald in Überlebenskampf statt in Selbstverwirklichung üben muß. Denn als sie mit dem Spanier Ivan anbandelt, dreht Ehemann Samuel ihr den Geldhahn zu, um die Verflossene wieder ins traute Heim zu locken.

All dies sorgt durch die dramatische Struktur, welche derer antiker Tragödien ähnelt, durchaus für Spannung, weckt aber vor lauter Furcht wenig Mitleid mit der Hauptfigur. So scheinen es, bei aller Liebe, nicht zuletzt die Sehnsucht nach ruraler Heimeligkeit sowie eine bürgerliche Neugier auf proletarische Existenznöte zu sein, die Suzanne antreiben und schließlich in die Kriminalität bugsieren. Folglich schließt sich der Kreis nicht in der Emanzipation der Frau, sondern in einer bloß oberflächlichen Annäherung der Klassen. 2010-01-27 10:44

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.
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