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Berlin – Stettin

D 2009. R,B: Volker Koepp. K: Thomas Plenert. S: Beatrice Babin. M: Rainer Böhm. P: Vineta Film.
110 Min. Salzgeber ab 28.01.10

Land vor unserer Zeit

Von Franziska Schuster Eine Landschaft ist bei Volker Koepp nicht einfach eine Landschaft. Wie ein Chrono-Geologe arbeitet sich der Dokumentarfilmer durch die Zeitschichten, bis er auf die Erzählungen stößt, die den Regionen innewohnen, ihnen Seele und Charakter geben. In seinem neuesten Film Berlin – Stettin sind diese Erzählungen stark mit der eigenen Biographie verknüpft, deren kurvige Narration die Geschichten der Menschen kreuzen, die er im Laufe der 110 Filmminuten aufsucht. Viele von ihnen sind Protagonisten früherer Filme, auf eine organische Art mit der Gegend verwachsen, die Koepp auf seinen eigenen Spuren bereist. Indem er durch eingeschnittene Fotos und Archivaufnahmen mehrere Zeitebenen überlagert, werden die Personen Teil einer Topographie, die zugleich die Vergangenheit und die Gegenwart abbildet. Hinter den faltigen Gesichtern der Zeitgenossen erscheinen sie selbst als jüngere Menschen – visualisierte Lebenserfahrung.

Die titelgebende Achse ist zugleich geographisch und biographisch: Der im heute polnischen Szczecin geborene Koepp flieht mit seiner Familie aus Pommern und landet in Berlin-Karlshorst. Dazwischen, am Wegrand, das Kriegsende. Der Junge wird älter und schließlich Filmemacher. Die Geschichten, die er auf der Reise nach Osten vorfindet, erzählen von härtester Arbeit und von Ungerechtigkeit, deren Narben jetzt, viele Jahre später, noch deutlich zu sehen sind. Dazu kommen neue Verwundungen: Arbeitslosigkeit, Alkohol, Rechtsextremismus, politische Ignoranz, Resignation. Doch Bitterkeit ist es nicht, eher Nüchternheit, mit der die Gealterten von früher erzählen, und irgendwann seufzt ein jeder: »So ist das Leben. Aber es ist trotzdem schön.«

Es ist erstaunlich und ein bißchen unbegreiflich, wie Koepp aus einem Sammelsurium von Momenteindrücken ein funktionierendes Ganzes schafft und zugleich bei aller Nostalgie nie in die Sentimentalität abrutscht. Berlin – Stettin ist die Hommage an eine im Schwinden begriffene Spezies – Menschen wie diese, zu denen sich der Filmemacher selbst zählt, sind vom Aussterben bedroht. Die Jungen, die »Anderen«, kommen nur am Rande vor und lassen eine ungewisse Zukunft erahnen. 2010-01-22 15:01

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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