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Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch

Oscar Niemeyer – A Vida É Um Sopro. BR 2007. R,B: Fabiano Maciel. K: Marco Oliveira, Jacques Cheuiche. S: Joana Collier, Jordana Berg, Nina Galantemick. M: João Donato. P: Santa Clara Comunicação.
85 min. Salzgeber ab 14.01.10

Der alte Mann und die Häuser

Von Carsten Happe Es zeugt von einer besonderen Ironie, wenn gerade Oscar Niemeyer, der legendäre brasilianische Architekt, der im Alter von 102 Jahren noch immer sehr aktiv an seinem Lebenswerk arbeitet, und der nicht wenige der berühmtesten Bauten des 20. Jahrhunderts erschaffen hat, nicht müde wird festzustellen, das Leben sei ein Hauch, ein unbedeutender Wimpernschlag angesichts der Ewigkeit. Oder es unterstreicht seine ausgesprochene Bescheidenheit, die ihn angesichts seines monumentalen Gesamtwerks umso sympathischer macht.

Niemeyer gilt als einer der bedeutendsten – und ist der letzte noch lebende – Vertreter der klassischen Architektur-Moderne, er hat bei Le Corbusier gelernt und sich später von ihm emanzipiert, hat das Bild seines Heimatlandes mit zahlreichen revolutionären Bauten in Rio und São Paulo sowie dem Komplettentwurf der neuerschaffenen Hauptstadt Brasilia entscheidend geprägt. Darüber hinaus mischt er sich als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen des Landes in alle gesellschaftpolitischen Belange Brasiliens ein, selbst im hohen Alter.

Kernstück des Dokumentarfilms sind dann auch ausgiebige Interviews, die über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden sind, in denen der Visionär seine Philosophie einer sinnlichen Architektur ausführlich darlegen kann. Wie zur Beweisführung hat Regisseur Fabiano Maciel Archivaufnahmen und neues Material zu allen bedeutenden Bauwerken zusammengetragen, das die zeitlose Schönheit der zumeist großflächigen Gebäudekomplexe entsprechend visualisiert und einstige wie gegenwärtige Weggefährten zu Wort kommen läßt.

Was sich wie ein leicht dröger Volkshochschul-Vortrag anhört, erweist sich als erstaunlich kurzweilige, mitunter gewitzte Dokumentation, die sich zwar in ein größtenteils klassisches Gewand kleidet, in kleinen Sentenzen aber immer wieder auszubrechen vermag. Natürlich lebt ein Film wie dieser von der ausgiebigen Ästhetisierung der teils wirklich spektakulären Bauwerke, er erschafft aber auch, indem er der wendungsreichen Biographie Niemeyers folgt, ein höchst aufschlußreiches Panorama des 20. Jahrhunderts – sowohl aus brasilianischer Perspektive als auch für Algerien und Europa, da Niemeyer nach einem Militärputsch in seiner Heimat sein Wirkungsfeld auf andere Länder verlagern mußte. 2010-01-14 10:46

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