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Giulias Verschwinden

CH 2009. R: Christoph Schaub. B: Martin Suter. K: Filip Zumbrunn. S: Marina Wernli. M: Balz Bachmann. D: Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles, Daniel Rohr, Teresa Harder, Max Herbrechter u.a.
88 Min. X-Verleih ab 4.2.10

Forever young

Von Arezou Khoschnam Es gibt bestimmte Begriffe, deren Bedeutungen sehr relativ sind und sich daher einer klaren Definition entziehen. Begriffe wie »schön« und »hässlich« oder »jung« und »alt«. Kommt Schönheit von innen oder ist sie doch ein – mittlerweile gesellschaftlich akzeptiertes – Ergebnis der Schönheitschirurgie? Ist man nur schön, wenn man jung ist, schwindet die Schönheit mit dem Alter und wenn ja, ab wann ist man dann alt und demzufolge nicht mehr schön? Ist es der Moment, wenn aus den bezaubernden Lachfältchen um die Augen rum die ersten Falten werden und sich auf der Haut am Hals unschöne Einkerbungen bemerkbar machen? Oder gilt man dann als alt, wenn man schon morgens mit irgendeinem Gebrechen aufwacht und sich nicht mehr erinnern kann, wann es anders gewesen sein soll?

Giulia ist unweigerlich mit dem Alter konfrontiert: Sie feiert ihren 50. Geburtstag und fühlt sich auf einmal unsichtbar. Nicht nur, daß die männlichen Buspassagiere sie übersehen und ihre Blicke stattdessen auf dem Dekolleté einer jungen Frau kleben bleiben, die Giulias Tochter sein könnte. Plötzlich verschwindet sogar ihr eigenes Spiegelbild im Busfenster. Soviel Vergleichspotenzial ist eindeutig zu viel. Das Geburtstagskind steigt kurzerhand aus dem Bus, zieht durch die Stadt und schwänzt die eigene Geburtstagsfeier.

Mit dieser amüsant-subtilen Einführung eröffnet Christoph Schaub seine Komödie nach einem Drehbuch des Schweizer Kolumnisten und Erfolgsautors Martin Suter. Die Geschichte setzt sich im folgenden episodisch fort. Während Giulia auf ihrem Streifzug durch Hamburgs Geschäfte dem deutlich älteren John begegnet, der ihr galant den Hof macht, machen sich ihre Freunde für das anstehende Geburtstagsessen fertig. Zur gleichen Zeit wollen zwei Teenager einen Diebstahl begehen und andernorts, in einem betreuten Wohnheim, sitzen ein paar ältere Menschen bei Kaffee und Kuchen anlässlich des 80. Geburtstages einer Mitbewohnerin zusammen. 



Auch an Giulias Freunden ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen: Gewichtszunahme, ein schlechtes Gedächtnis und allgemeine Trägheit sind erste Erscheinungen der sich verabschiedenden Jugend. Im Restaurant entsteht zwischen den Gästen ein spritziger verbaler Schlagabtausch, der die Vor- und Nachteile des Älterwerdens einander gegenüberstellt: Will man wieder 20 sein, unsicher und voller Komplexe oder doch lieber älter, weiser und sich endlich wohlfühlen in seiner Haut? Auf der anderen Seite: Möchte man sich nicht lieber wieder so jung und unbeschwert fühlen wie mit 20 und nicht jeden Morgen mit einem neuen Wehwehchen aufwachen?

Nicht das Alter, sondern die Wahrnehmung ist eigentlich das zentrale Thema des Films, die subjektive und die Fremdwahrnehmung. Die Menschen aus unserer Umgebung, sowie alle anderen Menschen mit denen wir uns vergleichen, haben Einfluss auf unsere eigene Befindlichkeit. Mal geht es uns demzufolge super, das andere Mal wiederum nicht. Die Kamera findet einen geeigneten Weg, um unserer instabilen Gefühlslage gerecht zu werden. Die intensive Arbeit mit Tiefenschärfe sowie die wechselnde Betonung des Vor- oder Hintergrundes schaffen eine verschwommene Atmosphäre, in der die Figuren entweder zum Verschwinden tendieren oder deutlich zu erkennen sind. Reflexionen in Fenstern, Vitrinen und Spiegeln sorgen für einen Zuwachs an Verwirrung und Perspektiven.

Giulias Verschwinden ist kein Film für eine bestimmte Zielgruppe. Es ist ein Film für alle. Insofern ist die episodische Erzählstruktur eine angemessene Entscheidung. Die Vielzahl an Figuren und kleinen Geschichten formen ein buntes Mosaik durch alle Altersstufen. Die Profile der Figuren sind gut durchdacht, durchgehend ideal besetzt und fügen sich harmonisch in die Gesamtdramaturgie ein. Zudem gelingt es Regisseur Christoph Schaub, die für Komödien eher unüblich langen Dialogpassagen von lockerer Hand zu inszenieren. Der Film nimmt sich weder zu ernst, noch wird er an irgendeiner Stelle belanglos. 



Auf die eingangs gestellten Fragen nach Schönheit und Alter gibt es – natürlich – keine Antwort. Der Zuschauer bekommt einen leichtfüßigen Reigen mit nachdenklichen Untertönen serviert, an dessen Schluss folgende Weisheit steht: Nicht das biologische Alter, sondern die innere Einstellung ist der Maßstab dafür, ob man sich jung fühlt oder alt. Sicher, dies ist keine neue Erkenntnis. Aber es soll sich derjenige finden, der bei diesem Thema nicht hellhörig wird. 2010-01-29 11:25

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