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Ein Sommer in New York – The Visitor

The Visitor. USA 2007. R,B: Thomas McCarthy. K: Oliver Bokelberg. S: Tom McArdle. M: Jan A. P. Kaczmarek. P: Groundswell Productions, Next Wednesday Productions, Participant Productions. D: Richard Jenkins, Haaz Sleiman, Hiam Abbass, Oliver Bokelberg, Ramón Fernández, Richard Kind, Tzahi Moskovitz, Amir Arison u.a.
108 Min. Pandastorm Pictures ab 14.1.10

Der diskrete Charme des Protests

Von Cornelis Hähnel Zugegeben: Die Besucherin, Der Besucher, Die Besucher – bei so vielen Stippvisiten bleibt wenig Platz für klare Eigenpositionierung. Aber muß man deshalb den deutschen Verleihtitel so wählen, daß er nach dem neuesten Lindsay-Lohan-RomCom-Kracher klingt? Egal, gerade hier gilt die Devise, die wir – schwarz bestrapst und grell geschminkt – von Frank-N-Furter lernten: »Don’t judge a book by its cover«. Denn Ein Sommer in New York ist die zweite wunderbare Regiearbeit von Schauspieler Tom McCarthy. Mit seinem Debüt Station Agent lieferte er einen der besten Filme der letzten Jahre ab und beweist nun, daß er diese Meßlatte mit Leichtigkeit halten kann.

Seit dem Tod seiner Frau war Wirtschaftsprofessor Walter nicht mehr in seinem Zweitwohnsitz in New York. Als er zu einer dortigen Konferenz geschickt wird, überrascht er in seinem alten Appartement das junge Paar Tarek und Zainab, die dort illegal eingemietet wurden. Walter läßt sie bei sich wohnen, bis sie etwas Eigenes gefunden haben. Nach anfänglicher Skepsis beginnen sie, sich anzufreunden. Als Tarek in der U-Bahn verhaftet und in Abschiebehaft genommen wird, bemerkt Walter, daß er handeln muß.

Inhaltlich wagt sich McCarthy mit seinem neuen Werk auf dünnes Eis. Nicht, weil das Thema der erschwerten Situation von Migranten in Amerika nach dem 11. September zu brisant oder heikel wäre, sondern weil dabei die Gefahr besteht, in eine plakative Konsens-Kuschel-Kritik zu verfallen. Und der Antagonismus der Einzelkomponenten des Films – das geordnete Leben des Professors trifft auf den unsicheren Überlebenskampf, Wirtschaft begegnet den sozialen Hoffnungen der Globalisierung, klassisches Piano trifft afrikanische Trommeln – all das könnte eine fiese Besserwisserschleppe hinter sich herziehen. Doch glücklicherweise beweist McCarthy erneut sein Feingefühl für die leisen Zwischentöne, für die großen Emotionen in den kleinen Gesten und das hoffnungsvolle Lächeln in der Ratlosigkeit. Der Film stellt nicht das ungerechte System an den großen Pranger, sondern verlagert die Kritik an den Mißständen in die zwischenmenschlichen Gesten seiner Protagonisten. Die daraus resultierende Glaubwürdigkeit, potenziert durch das präzise Spiel der Darsteller (allen voran Six Feet Under-Familienoberhaupt Richard Jenkins), vermag zwar ruhig, aber deutlich und bestimmt ein »Nein!« beim Zuschauer zu evozieren. Denn, auch das haben wir irgendwo gelernt: Wirklich laut sind die, die nichts zu sagen haben. 2010-01-11 12:22

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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