— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das Kabinett des Dr. Parnassus

The Imaginarium of Doctor Parnassus. F/CAN 2009. R,B: Terry Gilliam. B: Charles McKeown. K: Nicola Pecorini. S: Mick Audsley. M: Jeff Danner, Mychael Danna. P: Infinity Features Entertainment, Poo Poo Pictures, Davis-Films, Grosvenor Park Productions, Parnassus Productions. D: Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell, Christopher Plummer, Andrew Garfield, Verne J. Troyer, Tom Waits u.a.
122 Min. Concorde ab 7.1.10

Hinters Licht geführt

Von Alexander Scholz Tanzt dort jemand auf dem Wasser und wirft einen großen Schatten? Nein, »in Wirklichkeit« hängt dieser Jemand an einem Strick über der Themse und das Wasser erweckt nur den Eindruck, als bewege sich der Schatten des angeleuchteten Körpers. Als wäre dies nicht genug der reflexiven Spielerei, ist der Gehängte auch gar nicht tot, sondern wurde durch eine Flöte in seinem Hals vor dem Erwürgen bewahrt und nun von der Schaustellergruppe um Dr. Parnassus in ein neues Lichtspiel gehievt. Auf der Stirn trägt der nunmehr Gerettete rätselhafte rote Inschriften. Zum Glück klärt der Teufel den Zuschauer im Laufe des Films darüber auf, daß bei allem okkulten Brimborium, das die Ebenen der Wirklichkeit verbindet, die schwarze Magie ihm nun wirklich ein Rätsel sei. Er sei – trotz seines ewigen Lebens – noch nicht dazu gekommen, sich genauer damit zu befassen. Das ist nur zu verständlich. Es leuchtet in Terry Gilliams neuestem Märchen im wahrsten Sinne des Wortes ein. Immerhin ist der Teufel viel zu sehr damit beschäftigt, sich Kontrahenten für seine Wetten um den Ausgang der Geschichte(n) zu suchen, die die Einheit des Universums und die Vielheit der Dimensionen garantieren.

Der Inhalt dieser Geschichten steht dabei weniger im Vordergrund als ihre Produktionsbedingungen – wie jeder weiß, stellt Das Kabinett des Dr. Parnassus diese sowieso bereits unfreiwillig zur Schau. Dabei ist die Möglichkeit zur Geschichte immer schon da und muss nicht mehr hinterfragt werden. Es kommt vielmehr darauf an, daß sie nach wie vor mit dem platonischen Vorwurf der Lüge konfrontiert wird und ihren Resonanzboden gegen eine sowieso schon im Rausch befindliche Gesellschaft verteidigen muß. Dabei steht das Kabinett des Dr. Parnassus ähnlich wie das des Herrn Caligari für Attraktion. Parnassus und seine Truppe müssen jedoch die Trunkenen des Amüsements auf eine noch höhere Ebene der Selbstvergessenheit heben: Ihre Bühne steht nicht nur auf dem Jahrmarkt, sondern eben auch vor Supermärkten, Bars und Luxus-Malls. Es gehört schon einiges an jenseitiger Begeisterung dazu, um den Shopping-Cinderellas die Entgeisterung ihrer materiellen Gelüste vergessen zu lassen. Caligari hatte es da eindeutig leichter, die Zuschauer hinter das Licht der Kinoleinwand zu führen. Trotzdem ist selbst der Cesare aus Robert Wienes expressionistischem Meisterwerk ein Wesen aus der Vergangenheit, genauer eine mythische Figur aus dem elften Jahrhundert. Der Kniff, derartige Charaktere aus der Vergangenheit in einen modernen Kontext der allseits vorausgesetzten Erklärbarkeit des Übernatürlichen zu setzen, ist bei Gilliam also nicht neu, sondern transformiert. Das augenscheinliche Geschehen auf der Bühne der Schausteller versucht erst gar nicht, dem Vorwurf des Betruges etwas entgegenzusetzen – es ist nahezu lächerlich anachronistisch. Erst hinter dem Spiegel beginnt die phantastische Welt, die natürlich den Dilletantismus auf der Bühne durch aufwendig programmierte Phantasiewelten konterkariert. Auch wenn der Humor in diesem Werk des ehemaligen Monty-Python-Mitgliedes teilweise eher zwischen Kalauer und Flachwitz oszilliert, gelingt Gilliam hier eine filmgeschichtliche Neckerei, die einiges wieder gut macht: Mit dem absurden Schauspiel auf der mobilen Theaterbühne zitiert er die illusionistischen Mätzchen eines Georges Méliès, nur um gleich darauf die technischen Illusionsfähigkeiten des 21. Jahrhunderts vorzuführen – mit der Gewissheit, daß auch diese bald überholt sein werden.

Das ständige Hinterfragen und Parodieren von Erzählungen und Erzählhaltungen in Das Kabinett des Dr. Parnassus ist glücklicherweise nie Selbstzweck. Gilliams Fähigkeit eine Narration zu entwickeln, die selbst als Kommentar auf die Handlung funktioniert, hat er in diesem Film perfektioniert. Diese Haltung fordert allerdings auch das Eingeständnis, sich keine Helden leisten zu dürfen, die eine Erzählung durch ihr Handeln allzu aktiv lenken. Der Titelheld Dr. Parnassus kommt dementsprechend nicht besonders erhaben daher. Neben seiner imaginatorischen Fähigkeit, die den Spiegel des Kabinetts zum Eingangstor zum Spiegel des Selbstbildes macht, hat er sich auf ein anderes Feld der Bewußtseinserweiterung verlegt. In bester romantischer Tradition ist es der maßlose Genuss von Alkohol, von dem er sich Eskapismus verspricht. Im Gegensatz zu E.T.A. Hoffmann, der sich sogar den Status als Kunsttrinker ersoff, ist der Alkohol bei Parnassus eher ein Eingeständnis an die Moderne. Sein Mittel, deren Rausch zu entkommen, ist sich selbst in einen Rausch zu versetzen. Daß er zuletzt die kontemplative Macht der phantastischen Geschichte vorzieht, ist eine beruhigende Aussicht und eine programmatische Haltung zum modernen Märchen. 2010-02-01 10:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap