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Bathory

SK/CZ/GB/H 2008. R,B: Juraj Jakubisko. B: John Paul Chapple. K: Ján Duris. S: Chris Blunden. M: Simon Boswell. P: Eurofilm Stúdió, Film and Music Entertainment, Jakubisko Film Slovakia, Sola Media. D: Anna Friel, Karel Roden, Vincent Regan, Hans Matheson, Deana Horváthová, Franco Nero, Antony Byrne, Bolek Polívka u.a.
141 Min. MIG Filmgroup ab 1.1.10

Legenden der Herrschaften

Von Cornelis Hähnel Mythenbildung ist in der Geschichte unvermeidlich. Kein grausamer Herrscher, kein weiser König und kein unerschrockener Eroberer um den sich nicht wilde und widersprüchliche Legenden ranken, oft bedingt durch deren Unnahbarkeit. So entstehen viele Mythen bereits zu Lebzeiten der jeweiligen Personen, die über Jahrhunderte weitergetragen und verfestigt werden. So auch bei der ungarischen Gräfin Erzsebet Bathory, die im 16. Jahrhundert lebte. Es wird deswegen auch angenommen, daß sie (und nicht Vlad der Pfähler) als Vorbild für Bram Stokers Dracula diente. Denn die Legende besagt, daß die grausame Herrscherin jungfräuliche Mädchen folterte, tötete, ihr Blut trank und darin badete. Die Hartnäckigkeit dieses Mythos zeigt sich darin, daß Bathory noch heute im Guiness Buch der Rekorde als größte Massenmörderin der Geschichte verzeichnet ist. Doch hat diese Frau wirklich, hier gehen die Quellen auseinander, 600 oder gar 2000 Menschen getötet? Zu Lebzeiten wurde ihr nie ein Prozeß gemacht und doch wurde sie des Mordes beschuldigt, okkulter Praktiken bezichtigt und lebendig eingemauert.

Nun hat auch der slowakische Fantasy-Regisseur Juraj Jakubisko das Thema auf die Leinwand gebracht. Bathory ist die bislang teuerste osteuropäische Filmproduktion und zeigt dies voller Stolz. Kostüme, Ausstattung, Schauplätze, all dies erweckt detailverliebt eine cineastische Version des 16.Jahrhunderts zum Leben. Doch bei all den formalen Aspekten verliert der Film den Inhalt nicht aus den Augen. Und gerade der muß sich dem direkten Vergleich stellen. Erst auf der Berlinale 2009 präsentierte Julie Delpy ihre Version der ungarischen Blutgräfin: eine kultivierte und verliebte Frau, die für ewige Jugend und Schönheit wortwörtlich über Leichen geht.

Jakubisko hingegen versucht, seiner Protagonistin mehr Facetten zu gewähren. Er inszeniert sie als willensstarke Herrscherin, als Lustobjekt, als selbstbestimmte Liebhaberin, als Kriegerin und als Opfer. Und es ist das brilliante Spiel von Anna Friel, die der Figur der Erzsebet Bathory ihre feinen Zwischentöne und eben diese Brüche im Charakter glaubwürdig verleiht. Und noch stärker als Delpy erlaubt sich Jakubisko Zweifel zu säen, wenn auch in gewöhnungsbedürftiger Form. Zwei Mönche, ähnlich dem Gespann Sean Connery und Christian Slater in Der Name der Rose, kreuzen als selbsternannte Chronisten der Geschehnisse um die Blutgräfin immer wieder die Handlung. Und es sind ausgerechnet diese beiden Mönche, die einen Geist der Aufklärung in sich tragen, unermüdlich widerlegen sie alle Vorwürfe, doch letztlich nur für den Zuschauer. Im Film nimmt die Geschichte unverändert ihren Lauf. Und zeigt dabei trotzdem Bathorys dunkle Seite, abseits der Legende der Blutgräfin. Dadurch entsteht ein Gesamtbild, das die Möglichkeit, wie es zu diesen Vorwürfen kommen konnte, versucht verständlich zu machen. Denn mittlerweile gibt es viele Zweifel an den Anschuldigungen gegenüber Bathory. Viele sehen sie als Opfer einer patriarchalen Verschwörung, eines erbitterten Kampfes gegen eine schöne, kluge und emanzipierte Frau, die gegen alle Widerstände ihren Weg gegangen ist und deswegen vielen ein Dorn im Auge war. Und damit ein Mythos geworden ist, der immer wieder anders erzählt werden kann. Man kann also gespannt sein, wenn Ulrike Ottinger Tilda Swinton als Erzsebet Bathory und Isabelle Huppert als ihre Zofe in ihrer Version inszenieren wird. Das Projekt läuft bereits. 2009-12-30 21:25
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