— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wo die wilden Kerle wohnen

Where The Wild Things Are. USA 2009. R,B: Spike Jonze. B: Dave Eggers. K: Lance Acord. S: James Haygood, Eric Zumbrunnen. M: Carter Burwell, Karen O. P: Warner Bros. D: Max Records, Pepita Emmerichs, Max Pfeifer, Madeleine Greaves, Joshua Jay, Ryan Corr, Catherine Keener, Steve Mouzakis u.a.
101 Min. Warner ab 17.12.09

Die Jugend, ein Monster

Von Jakob Stählin Maurice Sendaks Wo die Wilden Kerle wohnen ist vielgeliebt und das zurecht, denn es weiß in seiner Ausgeschmücktheit der Illustration dennoch um die Macht der Reduktion. So ist in all seiner Farbenpracht und Detailverliebtheit immer das Dazwischen die wichtigste Komponente des Buches. Es läßt den Kindern, die es betrachten, sehr viel Spielraum, ihre eigenen Erfahrungen in die Geschichte mit einfließen zu lassen. Das ist toll, aber natürlich sehr schwer, auf einen Spielfilm zu transponieren, der eben nicht lediglich eine Handvoll Bilder, sondern derer gleich 24 pro Sekunde anbieten muß.

Spike Jonze, der sich mit seinem Diptychon Being John Malkovich und Adaption in aller Munde brachte, wagt sich, nun erstmal selbst als Drehbuchautor aktiv, an den Stoff heran. Seltsam und etwas schade ist es daher, daß gerade ein eigensinniger Mann wie Jonze beim Ausformulieren der Geschichte in Schemata verfällt, die sein verzweifelter Protagonist in Adaption noch absolut verabscheute. Die im Skript verankerten Höhen und Tiefen wirken teils etwas arg gestelzt platziert, um die oberflächlich recht dünne Vorlage zu strecken. Dies bleibt jedoch der einzige Wermutstropfen eines ansonsten sehr gelungenen Films.

Vor einer eiligen Handkamera, die alle Mühe hat, folgen zu können, rast der kleine Max durch das Haus. Er schreit und grölt. Freeze Frame, Titel: »Wo die wilden Kerle wohnen«. Dieser Einstieg macht ohne Umschweife deutlich, daß Jonze die Wilden keineswegs in den Kerlen sieht, sondern im Kind. Die Anarchie ist hier, wie in der Vorlage, nicht das Überschreiten, sondern das schlichte Ausloten von Grenzen. Man ist von ihnen abhängig, auch wenn man das bei aller angestrebter Unabhängigkeit gerne manchmal vergessen würde. Kinder haben das große Privileg, dies noch zu dürfen. Fürchten müssen sie sich nicht, denn Konsequenzen lernen sie gerade erst kennen.

Die surreale Welt der Wilden Kerle, zu denen der kleine Max frustriert aufbricht, ist stilistisch wie animationstechnisch wunderbar treffend. Mit einer Mischung aus Kostüm und Computereffekt wirken die Monster sehr echt, was bei der Skurrilität der Figuren durchaus verblüffend ist. Jonze nimmt sich auf der Insel vielleicht sogar etwas arg viel Zeit, um die Party zu feiern, nach der er sich seit seiner verstrichenen Jugend möglicherweise schon lange gesehnt hat. Es wird kreiert und zerstört und geschrieen und gefeiert, bis die Wilden merken, daß sie mit Max ebensowenig als Staatsoberhaupt auskommen, denn mit irgendwem sonst, denn wer einer von ihnen ist, kann nicht über ihnen stehen. Das versöhnliche Element des Buches, das bei aller Freigeistigkeit doch stets ein Hoch auf die intakte Familie war, wird auch im Film sehr klar erzählt, ohne dabei in die Trivialität abzurutschen. Bei aller Freude, die man verspürt, wenn Max im Wolfskostüm zur großen Abrißparty aufruft, so froh ist man doch, wenn man sieht, wie er in die Wärme seines Zuhauses zurückkehren kann.

Wo die wilden Kerle wohnen ist bei all seinen vermeintlichen Längen und der etwas arg freundlichen Grundnote stets dem Buch verpflichtet und erreicht sein Ziel, ein Werk über das Aufwachsen zu sein, mit Leichtigkeit. Ebendies zeichnet den Film aus, denn all die Probleme, die man als Kind zu stemmen hat, die vielen Eindrücke, die es zu verarbeiten gibt, all dies wird in den flauschigen Kreaturen zum Leben erweckt. Die Jugend mag ein Monster sein, aber eines, das man umarmen möchte, dem man nachtrauert, wenn es verschwindet. Und doch läßt man es selbstbestimmt hinter sich. Eine zeitlose Parabel, im Film wie im Buch, die zur Geburtsstunde eines neuen Stars werden könnte, denn der kleine Max Records spielt sich um Kopf und Kragen, verkörpert die Rolle des Max so fesselnd, daß man bei all der Hingabe froh sein kann, daß ein sympathischer Kerl wie Spike Jonze auf ihn aufpassen konnte. 2009-12-17 17:09

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap