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Avatar

USA 2009. R,B: James Cameron. K: Mauro Fiore. S: John Refoua, Stephen E. Rivkin. M: James Horner. P: Twentieth Century Fox. D: Sam Worthington, Sigourney Weaver, Michelle Rodriguez, Zoë Saldana, Giovanni Ribisi, Joel Moore, Stephen Lang, Laz Alonso u.a.
162 Min. Fox ab 17.12.09

Blaues Wunder

Von Jakob Stählin Da James Cameron ein Regisseur ist, der sich und alle, die mit ihm zusammenarbeiten, technisch über bestehende Grenzen hinaus fordert und sein Erfolg sich stets im Gelingen dieses Anspruchs manifestiert, kann man mit Fug und Recht behaupten, daß Avatar sein bester Film ist. Es ist zwar etwas leidig, sich in Statistikschiebereien zu üben, um jenes, was Eventfilme ausmacht, greifen zu können, doch um Superlative wird man bei überlebensgroßen Projekten, die Budgets verschlingen, welche für keinen Normalsterblichen faßbar sind, nicht umhin kommen.

So hat Peter Jackson zu Beginn dieses Jahrzehnts mit seiner Herr der Ringe-Trilogie ein Spektakel erschaffen, das fern des alltäglichen Filmkonsums rezipiert wurde. Damit sei ausdrücklich nicht lediglich der jährliche Ausflug ins Lichtspielhaus gemeint, sondern freilich die gesamte Welle, die sein Epos über die Länder spülte: Überraschungseierfiguren, Computerspiele und die eintägige Umbenennung der Zeitung Wellingtons in Middleearth Times; um nur einige Ausläufer zu nennen. Solch einer Entwicklung mögen Vereinzelte durchaus kritisch gegenüber stehen, doch sie ist ein famoser Triumph des Mainstreamkinos. Selbst jene, die sich selbst nicht als rege Filmkonsumenten ausweisen können, haben doch einen vitalen Zugang zu dem audiovisuellen Medium, das mit seiner Erzählstruktur und seinem Rhythmus die größtmögliche kulturelle Durchschlagskraft erlangt hat, die derzeit denkbar ist. Vor allem in punkto Konsumierbarkeit ragt die Filmkunst monolithenhaft aus dem musealen Staub heraus, was jetzt keineswegs ein Abgesang auf die bildenden Künste sein soll, sondern lediglich ein Hoch auf die Massentauglichkeit.

Die Geschichte von Avatar ist folglich schnell erzählt, und daher scheint es sinnlos, die verschiedenen der Unterhaltung förderlichen Kniffe des Plots aufzuzählen, denn wie stets bei Cameron sind sie lediglich Gerüst, um eine Welt fernab der Erwartungshaltung zu kreieren. Es sei jedoch erwähnt, daß die gesamte Handlung auf dem Planeten Pandora stattfindet, der in seiner Farbenpracht und Artenvielfalt konsequent und bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt ist, sodaß über die kurzweiligen 160 Minuten hinweg ein schwereloses Gefühl einsetzt. Man kann sagen, der Film hat nichts Erdgebundenes mehr, was eben vor allem der Kompromißlosigkeit der Gestaltung zu verdanken ist, die Camerons Vision in beeindruckender Klarheit auf die Leinwand bringt. In seinem aus dem Nichts gestampften Universum verfolgen wir die klassische Mär von Gut gegen Böse, wobei die Menschen wieder einmal nicht allzu positiv wegkommen.

Eine klare Linie also, welche die unzähligen Anspielungen leicht und spielerisch zum Vorschein zu bringen vermag. Wie einst in H.G. Wells »Krieg der Welten« durch den simplen Kniff, die Eroberer- und Opferrollen zu vertauschen, eine klare Kritik an der britischen Kolonialisierungspolitik hergestellt wurde sowie die ewige Respektlosigkeit gegenüber unbekannten, vermeintlich primitiven Kulturen verständlich gemacht wurde, so ist es auch in Avatar der ebenso einfache wie brillante Trick, das Geschehen durch den unschuldigen, gehbehinderten Ex-Marine Jake Sully zu erzählen, der, wie die Soldaten eines jeden westlichen Staates, jenseits der persönlichen Überzeugung für Ziele einsteht, die er selbst nie definiert hat. Es sind Avatare der Mächtigen, die über die Frontlinien schreiten, sich im vietnamesischen Dschungel oder im Wald auf Pandora durch das Dickicht schlagen. Fremde Umgebungen und Kulturen werden als klarer Kontrast zu den großen Zielen der Zivilisationen, die man kennt, gezeigt, zu denen man aber bei aller Verinnerlichung lediglich eine oberflächliche Meinung haben kann. So ist das konsekutive Wissen in Camerons Film die Spitze des Eisbergs, denn er gibt keinerlei Informationen preis, wie die Menschen auf der Erde in dieser filmischen Zukunft leben. All ihr Wissen, ihre herrschaftliche Technologie, ihre geistige Größe determiniert sich auf eine prächtige Kriegsmaschine, getarnt durch Wissenschaft, die jedoch immer nur eine Pseudochance auf Diplomatie darstellt. Der Plan ist nicht, die Eingeborenen zu verstehen, vielmehr ist es ein Missionsgedanke, der zur Unterwerfung eines nichtverstandenen Kulturkreises dienen soll. So wird die obligatorische Schlacht zum Finale des Films keineswegs ein Verrat an der weltoffenen, fast esoterischen Haltung, die Avatar über seine gesamte Länge predigt, sondern eine wundervoll moderne Parabel auf den Krieg als probates Mittel zur Wehr aus einer nicht lösbaren und vor allen Dingen nicht selbstgeschaffenen Krisensituation.

Die Schönheit und Eleganz des Planeten, der von den Marines auf einen benötigten Rohstoff heruntergebrochen werden soll, wird durch die technische Meisterschaft des Jahrzehnteprojekts spürbar. Es mag nach Spielerei klingen, wenn man erfährt, daß James Horner zusammen mit Musikwissenschaftlern ein Regelwerk zur musikalischen Komposition der Eingeborenen, der Na'vis, entwickelt hat und Cameron in Zusammenarbeit mit Linguisten auch eine eigene Sprache kreierte, doch zusammen mit dem beeindruckenden Charakterdesign der blauen Eingeborenen, die wie technisch vorher nicht denkbar in Gestik und Mimik ihre Schauspieler zu transportieren wissen, sowie der erschaffenen Flora und Fauna ergibt sich ein bestechend eigenständiges Gesamtbild des Planeten Pandora, dessen fremdartige Eigenarten man mit unbeholfenem Respekt begegnen würde, sollte man dort einmal hineingeworfen werden.

Durch die Plastizität der 3D-Bilder, die mit einer speziell für den Film entwickelten Kamera aufgezeichnet wurden, entsteht ein fast physischer Bezug zum Geschehen, denn zum ersten Mal in der Geschichte dieser zurecht kritisch beäugten Technik wirkt das Bild durch den räumlichen Effekt nicht künstlicher, sondern klarer. Wo in anderen 3D-Filmen oft der Eindruck entsteht, man habe eine handvoll Bildebenen, die aber für sich genommen eher flach sind und die Optik ohnehin lediglich um ihrer selbst Willen eingesetzt zu werden scheint, entwickelt Avatar einen unbewußten Sog, der den Rezipienten zur absoluten Anteilnahme am Gezeigten bewegt. Die Dreidimensionalität wirkt sehr natürlich, und wären die in den gängigen Kinos gereichten Brillen nicht leicht schmutzig und auch etwas unbequem, so hätte man keine Mühe, überhaupt nicht aktiv daran zu denken, daß man gerade einen 3D-Film sieht; nicht zuletzt gelingt dies vor allem durch das Nichtbrechen der vierten Wand. Trotz seiner physischen Kraft wissen die Macher bestens um die Fiktionalität ihres Stoffs.

Der Wille Camerons, mit seinem Kino zu verblüffen, den Zuschauer dort abzuholen, wo er steht, um ihn im folgenden in eine völlig neue Welt zu transportieren, die er und sein Team mit kindlicher Begeisterung zum Leben erwecken, sowie die erstaunliche Unaufdringlichkeit, mit welcher das Unspektakuläre in seinem Werk spektakulär wird, ist ungebrochen faszinierend und berechtigt somit jeden Superlativ, der einst auf Terminator 2, auf Titanic oder heute auf Avatar angewandt wird. Cameron ist, wie er mit dem Regieoscar in der Hand augenzwinkernd bemerkte, der »König der Welt«, denn seine Filme exhalieren Hollywood im klassischen Verständnis als Traumfabrik, sie bewegen und begeistern, verblüffen und setzen Maßstäbe, kurz: Man kommt nicht an ihnen vorbei. 2009-12-15 12:06

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