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Brand Upon the Brain!

USA/CDN 2006. R,B: Guy Maddin. B: Louis Negin, George Toles. K: Benjamin Kasulke. S: John Gurdebeke. M: Jason Staczek. P: The Film Company. D: Gretchen Krich, Sullivan Brown, Maya Lawson, Katherine E. Scharhon, Todd Moore, Andrew Loviska, Kellan Larson, Erik Steffen Maahs u.a.
95 Min. Arsenal ab 17.12.09
Foto: Adam L. Weintraub

»Everything, everything twice«

Von Sarah Sander 2007 hat Guy Maddin, der »Altmeister des Forums des Jungen Films«, auf der Berlinale sein traumhaftes Detektivwerk Brand Upon The Brain! mit Live-Orchester, -Geräuschemachern und Isabella Rossellini als Stimme in persona auf der Bühne der Deutschen Oper präsentiert; doch erst jetzt sieht der Film wieder das Licht deutscher Projektoren. Fast drei Jahre hat es gedauert, bis der Kanadier aus Winnipeg, »dem wahrscheinlich verschneitesten Ort der Welt«, einen deutschen Verleih gefunden hat. Absurd, wenn man bedenkt, mit welchem Enthusiasmus er auf den Foren dieser Welt gefeiert wird!

Endlich wieder schwarzweiß! Endlich wieder schwarzweißes Flimmern und sprunghafte Schnitte und Montageexzesse. Endlich wieder wunderbar surreale Detektivgeschichten und traumhafte Stummfilmbilder. Endlich wieder Mut zum Bild, Mut zur Wucht, Mut zum Wahn! Endlich wieder Bildgewalt und Klangcollage!

Zuletzt war Guy Maddin, der mit The Saddest Music in The World bereits vor sechs Jahren in Liebhaberkreisen zu Kultstatus aufgestiegen ist, im November dieses Jahres mit dem Kurzfilm Little White Cloud That Cried zu Ehren von Jack Smith auf dem »Live Film!«-Festival zu Gast in Berlin. Doch auch mit My Winnipeg, seinem Festivalbeitrag von 2008, hat der Kanadier einmal mehr demonstriert, wohin seine Referenzen reichen: Von der historischen Avantgarde – den französischen Impressionisten, von denen er die neblig-traumhaften Bilderschwaden abgeschaut haben mag, und ihren Nachfolgern, den Dadaisten und Surrealisten, denen er so manch abgründige Oberflächlichkeit zu widmen scheint – über die Montageelegien der russischen Formalisten und das Weimarer Kino mit seiner expressionistischen Somnambulie bis in den amerikanischen Filmuntergrund; und von heute fast vergessenen Genres wie dem Travellog, das er mit My Winnipeg auferstehen läßt, bis in die Dunkelkammern Jack Smiths und des queeren Undergrounds der 1960er und 70er.

Brand Upon The Brain! feiert nun die Auferstehung düster-heiterer Detektivgeschichten, die in eine doppelte Vergangenheit entführen: In die Tiefen der Filmgeschichte ebenso wie in die Untiefen der »eigenen« Vergangenheit. Das grobkörnige Schwarzweiß, die flackernden Bilder, springende Schnitte, Erzählerstimmen und Zwischentitel sind einerseits Integrale des Films – zugleich bilden sie jedoch auch den Rahmen für seine fantastisch-surrealen Geschichten: Ein »old Guy« weißelt und weißelt und kehrt zurück an die Orte seiner Kindheit, die er doch nicht zu übertünchen weiß. Ein junger Guy rennt über den Strand, über Steine, durch den Wald, durch Wasser. Zurück zum Leuchtturm – Panoptikum und Aerophon – zu dem ihn die Mutter ruft, in dessen Kellerlabor sein Vater tüftelt und forscht. Zurück zum Leuchtturm, zu dem auch Sis, seine schöne Schwester, »die immer schon gefährlich gelebt hat«, heimkehrt, um sich ebenso heimlich der Tyrannei der Mutter zu entziehen. »The Secret, The Secret, The Secret« lautet das eine Mantra des Films, »The Past, The Past, The Past« die andere Seite davon.

In Brand Upon The Brain! kehrt also ein »little Guy« zurück nach Black Notch, der Leuchtturminsel, auf der er seine Kindheit im Kreis von Waisenkindern und mit oder zwischen seiner kleinen Familie verbringt, bis die Lightball-Kids, das Detektivgeschwisterpaar Wendy und Chance, auf die kleine Insel kommen, um Licht in die mysteriösen Machenschaften im Leuchtturm zu bringen – und die Geschwister Sis und Guy in ein heilloses Chaos erster Lieben stürzen.

Das Lighthouse dreht sich, der junge Guy rennt über den Strand, über Steine, durch den Wald, durch Wasser. Das Aerophon plärrt, Mutter ruft, Sis wirft den Kopf zurück, Wendy verwandelt sich in Chance und ergreift sie beim Schopf: Die »touching gloves« an den Händen, die »undressing gloves«, entkleidet sie Sis, legt ihre Brust frei. Für den Bruchteil einer Sekunde nur, doch ein ums andere Mal. »All important things happen twice.«

»Zum Glück kann ich den Film wieder sehen! Zu viele Bilder flackern über den Screen, flattern in meinem Kopf. 24 Bilder pro Sekunde; das kann viel sein, wenn sie sich ständig überlagern, überlappen, überblenden. Wenn Bewegung ist, dann ist sie bei Guy Maddin total. In eine und in alle Richtungen zugleich, mit Jump-Cuts und Überblendungen und Matchwork und 24 verschiedenen Bildern pro Sekunde. […] Fäden werden aufgenommen und flattern ins Leere. Der Film erfordert detektivische Wachsamkeit. Zum Glück kann ich Brand Upon the Brain! wiedersehen. 
All important things should happen twice!«, habe ich schon nach der Aufführung in der Deutschen Oper auf der Berlinale 2007 geschrieben. »Zu oft guck ich den Geräuschemachern beim Geräusche machen zu, zu oft streift mein Blick Isabella Rossellini, gefangen von ihrer Stimme.« Aus dunklen Aufnahmestudios ins Licht der Nacht geholt, standen die Geräuschemacher auf einer Extrabühne. Zu dritt, in weißen Kitteln, wie dem Film entstiegen und zum Experiment bereit, hatten sie ihre Instrumente dabei: Einen Wasserbottich für das Rauschen und Plätschern des Meeres, eine Windmühle zum Malen von Wind, knarrende Holzbänke und quietschende Türen. Glocken und Leinen und Schuhe an Stöcken für all das Klappern und Trappeln und Zieh´n. Geschirr wurd' zerschmissen und Jeansstoff zerrissen und wenn Knochen brachen, brach Sellerie.

Die Euphorie des Festivalbesuchs schwindet – wie könnte es anders sein – im Abgleich und beim Fehlen von Live-Intonierung, bei Geräuschemachern aus der Konserve und Projektionen ohne Lichtausfall. Und doch sind Guy Maddins Filme immer wieder ein Kinoerlebnis der besonderen Art. Eine immer neue Reise in die nahe Zukunft der Vergangenheit; ob der eigenen (Film)Geschichte oder medialer (Kindheits)Erinnerungen – angesichts der nostalgischen Technik körniger Super8-Aufnahmen in Zeiten radikaler Digitalisierung und Optimierung des hochaufgelösten Filmbilds. 2009-12-11 14:37
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