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Another Glorious Day

D 2009. R,B: Karin Kaper. R,B,K: Dirk Szuszies. S: Werner Bednarz. M: Patrick Grant. P: Karin Kaper Film.
95 Min. Karin Kaper ab 19.11.09

Dokument des Living Theatre

Von Anja Habermehl »Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir mit dem Schrei des Körpers beginnen. Der geht nach innen, der legt die nackte Seele bloß.« Das Living Theatre vertritt eine Auffassung vom Körper als Sprache, als Ausdrucksmittel. Dementsprechend arbeitet das Stück »The Brig«, das Karin Kaper und Dirk Szuszies dokumentarisch begleiten, stark mit Körperlichkeit.

1957 in Japan: Die Marines, die im »Brig«, dem US-Marines-Gefängnis, ihre Strafe verbüßen müssen, tragen keine Namen mehr, sie werden zu Nummern. Das Theaterstück konfrontiert sein Publikum mit dem unmenschlichen Drill, den diese Männer durchleben müssen – mit dem Ziel, daß man den Schmerz der Sklaverei verspürt und sich der Wunsch formiert, selbst die erdrückende Obrigkeit beseitigen zu wollen. Widerstand entstand dabei vor allem auch bei der US-Regierung. In den 1960ern wurde die Produktion von den Behörden als staatsfeindlich bekämpft. Das Theater wurde geschlossen, und das Team kerkerte sich aus Protest in die Gefängniszelle auf der Bühne ein, um anschließend mit Hilfe der Polizei abgeholt zu werden – vom fiktiven ins echte Gefängnis. Die Aktivisten des Living Theatre begreifen sich als Virus des Friedens in einer Kriegsgesellschaft. Und fast ein Vierteljahrhundert später hat die Neuaufführung nichts an Aktualität eingebüßt.

»This will be another glorious day in the history of the United States Marine Corps!« Der choreographiert anmutende Drill entfremdet besonders durch die Inszenierung von Alltäglichkeit. Es wird nicht gesprochen, es wird geschrien. Die Gefangenen dürfen nicht gehen, sie müssen im Hüpfschritt rennen und militärische Kehrtwendungen bei jedem Richtungswechsel vollführen. Ein Anblick, der eigentlich eine parodistische Qualität haben könnte, wären da nicht die ausdruckslosen Gesichter, die angespannte Stimmung des militärischen Drills und das Wissen um die Auswirkungen militärischer »Erziehungsmaßnahmen«, welche die Amerikaner spätestens nach den Folterdebatten nicht mehr von sich weisen können und die wir als Deutsche nur zu gut aus unserer Vergangenheit kennen.

Genauso auf der räumlichen Ebene: Die Bühne hat mehrere weiße Linien, bei deren Überquerung jeder einzelne Insasse schreiend um Erlaubnis fragt – egal, ob sie zehn oder zwei Meter von der nächsten entfernt sind. Dennoch erstickt die Inszenierung jeglichen Gedanken an Humor im Kern. Psychoterror ist die Essenz dessen, was dargestellt wird. Körperlichkeit und Uniformität durch Haare, Kleidung, Verhalten – all das führt zu einer Entindividualisierung. Und den einzigen Weg des Ausbruchs aus dieser klaustrophobischen Hölle bildet die Flucht in den Irrsinn. Das Stück läuft immer anders ab: Die Fehler der Insassen werden von den Wärtern bestraft. Die Schauspieler selbst bauen dadurch psychischen Druck auf. Man will alles richtig machen, um nicht bestraft zu werden. Und das überträgt sich auf den Zuschauer. Er leidet unter der bedrückenden und dennoch großartigen Darstellung.


Der Dokumentarfilm konzentriert sich zwar auf das Stück selbst, wechselt aber immer wieder zwischen Realität und Theater. Dabei wird das Living Theatre als Institution beleuchtet und zusätzlich die Reaktion der Zuschauer auf die Darstellung eingebunden, indem Auftritte des Ensembles auf der Straße gezeigt werden. Ob sie in voller Montur Flyer in der U-Bahn verteilen oder Auszüge ihres Stücks auf offener Straße vorführen – die Marines erregen große Aufmerksamkeit und bewegen die Zuschauer.

Der Autor des Theaterstücks, Kenneth H. Brown war im Laufe seiner Militärzeit selbst zweimal im US-Marines-Gefängnis. »I didn’t write ‚The Brig‘ – the Marine Corps wrote ‚The Brig‘.« Er ist der Meinung, der Horror von Nazideutschland sei nicht nur deutscher Natur, sondern menschlich und könne überall passieren. 1965 wurde er in Deutschland für diese Aussage ausgebuht. Heute wird gerade das Wirken des US-Militärs deutlich skeptischer betrachtet. Another Glorious Day zieht den Zuschauer in seine uniforme, klaustrophobische Welt der Entindividualisierung. Die Inszenierung von Psychoterror und Körperlichkeit intensivieren das Mitleiden mit den Gefangenen. Von kleinen Längen abgesehen, fesselt die Dokumentation des Theaterstücks durchweg und erlaubt einen kritischen Blick auf militärische Praktiken und Obrigkeitshörigkeit. 2009-12-08 11:41
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