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Adam – Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der andere

Adam. USA 2009. R,B: Max Mayer. K: Seamus Tierney. S: Grant Myers. M: Christopher Lennertz. P: Olympus Pictures. D: Hugh Dancy, Rose Byrne, Frankie Faison, Mark Linn-Baker, Amy Irving, Peter Gallagher, Terry Walters, Susan Porro u.a.
99 Min. Fox ab 10.12.09

Das Lieben des Anderen

Von Matthias Wannhoff Wenn es darum geht, von schrulligen Menschen und ihren Eigenheiten zu erzählen, können wenige Worte alles entscheiden. Da schwadronieren im US-Format The Big Bang Theory vier junge Männer unentwegt über Teilchenbeschleuniger und Materiewellen, während sie sich im Umgang nicht nur mit dem anderen Geschlecht konsequent im Ton vergreifen, und all dies darf unter dem harmlosen Banner der Sitcom stehen, eben weil das eigentümliche Gebaren der Figuren nicht in Sozialphobie oder Zwangsneurose aufgelöst wird.

Auch zwischen Adam, der Hauptfigur in Max Mayers gleichnamigem Film, und seiner Umwelt klafft ein ganzer Katalog an Mißverständnissen: Ironie zu verstehen fällt dem 29jährigen New Yorker, der nach dem Tod seines Vaters allein in einer viel zu großen Wohnung haust, ebenso schwer wie den Kavalier zu spielen oder im Gespräch den Augenkontakt zu halten. Dadurch, daß Mayer seinen schrägen Titelhelden gleich zu Anfang auf die hübsche Vorschullehrerin Beth prallen läßt, die gerade frisch ins Appartement nebenan gezogen ist, entstehen auch in der Exposition von Adam mehrere Momente etwas handzahmer Situationskomik. Bloß daß Adams Ungeschick nicht als putziges Marottenarsenal verklärt, sondern recht bald vom Sonderling selbst beim Namen genannt wird: Er leide am Asperger-Syndrom, einer leichten Form von Autismus, wie Adam der von ihrem neuen Nachbarn zwar durchaus angetanen, aber auch irritierten Beth eröffnet. Was folgt, ist eine Liebesgeschichte, die am Schicksal ihres Protagonisten schwer zu tragen hat.

Daß der heikle Seiltanz zwischen Krankendiagnostik und Fiktion dennoch gelingt, liegt nicht nur daran, daß sich die komödiantischen Passagen nach besagter Enthüllungssequenz in einem weitgehend erträglichen Rahmen bewegen, sondern vor allem an der nüchternen Konturierung der beiden Hauptfiguren: Adam ist kein Rain Man, der die Welt mit betörender Gedächtnisakrobatik in seinen Bann zieht, sondern ein zwar talentierter, jedoch für seinen Arbeitgeber eben deshalb zu teurer Ingenieur, der Mikrochips für Spielwaren entwickelt. Beth wiederum ist ein recht wankelmütiger Mensch, geplagt von Selbstzweifeln sowie den Blessuren ihrer letzten Beziehung. Die große Leistung des Films besteht darin, daß er die beiden Einzelschicksale zwar einander annähert, Adams Erkrankung dabei aber niemals verharmlost. So kann man den Umstand, daß die Gefühle, die Beth gegenüber Adam hat, den kompletten Film hindurch unscharf bleiben, als dramaturgischen Lapsus abtun – oder aber sie als Hinweis darauf deuten, daß sich hier eine junge Frau allzu unbedacht in eine Liaison mit dem Unberechenbaren begeben hat. Wenn auf Seiten Beths schließlich die Überforderung vorzuherrschen beginnt, begreift man, daß das Bild des putzigen Weirdos, das der Film noch zu Anfang von Adam zeichnete, womöglich mit der Wahrnehmung Beths identisch war; und daß eine derart auf Äußerlichkeiten gründende Beziehung, zumal im Bereich der pathologischen Störung, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Es sind diese Dissonanzen, die Adam zu einem unorthodoxen Liebesfilm machen, dem darüber hinaus das Kunststück gelingt, filmischen Monumenten des Kitsches eine längst verloren geglaubte Magie zurückzugeben: Private Tragödien, ob sie nun vom Verlust des Jobs oder des Vaters handeln; für einen Moment verblassen sie im Glanz des winterlichen New York, im Zauber des tierischen Treibens im Central Park bei Nacht. Gestützt durch den gelungenen Soundtrack, entsteht so eine äußerst stimmungsvolle Rahmung für die tragikomische Romanze. Eine Romanze, die indes ihr eigenes Ende überdauert, denn für immer vereint werden die beiden Liebenden schließlich im Imaginären der Fabel, im magischen Reich der Literatur. Ein mutiger, aber konsequenter Schluß für einen außergewöhnlichen Film. 2009-12-07 15:56

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