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Das Orangenmädchen

Appelsinpiken. N/D/E 2009. R: Eva Dahr. B: Axel Helgeland, Andreas Markusson. K: Harald Gunnar Paalgard. S: Per-Erik Eriksen. M: Magnus Beite, Mario Schneider. P: Helgeland Film, Tradewind Pictures u.a. D: Mikkel Bratt Silset, Harald Rosenstrøm, Annie Dahr Nygaard, Emilie K. Beck, Rebekka Karijord, Glenn Erland Tosterud, Johannes Piene Gundersen, Tom Eirik Solheim u.a.
84 Min. Neue Visionen ab 10.12.09

War ja nur aus Marzipan

Von Natália Wiedmann Trostlos ist die Kontingenz, nichts verspricht sie, keine Hand, die unsre hält, die kein Buch ist, in dem wir lesen. Da mag es vorkommen, daß auch der gemeine Atheist sich zuweilen einen übergeordneten Plan wünscht, und wenn er schon nicht an den einen großen Lenker glaubt, dann vielleicht an die eine große Liebe, die viel besungene, bedichtete, auch in diesem Film gehuldigte. Dabei erzählt die literarische Vorlage bei genauer Betrachtung durchaus nicht von diesem rosengebetteten Zauberkitsch, wie Enttäuschte die eine große schimpfen – das ist ja gerade das Befreiende. Weniger als schicksalhafte Fügung denn als gelungene Inszenierung entpuppt sich die zunächst konservativ anmutende Geschichte des jungen Mannes auf der Suche nach einer rätselhaften Frau und zitiert Rollenklischees nur, um sie dann zu invertieren. Hinzu tritt die komplexe Erzählsituation: Der fünfzehnjährige Rahmenerzähler Georg kommentiert für einen implizierten Leser den Brief seines vor elf Jahren verstorbenen Vaters Jan Olav, wobei er sowohl seine gegenwärtigen Gedanken notiert als auch die Rückblicke auf seine Reaktionen und die Geschehnisse beim Lesen des Briefes. Analog dazu berichtet der Vater – für den Sohn in der Zukunft schreibend – rückschauend von seiner Begegnung mit dem mysteriösen Orangenmädchen, eine Beschreibung, die wiederum durch Anreden und Reflexionen unterbrochen wird. So ist es der Vater selbst, der betont, daß sein Erzählen zielgerichtet erfolgt, daß es retrospektive Ausblendungen und Hervorhebungen vornimmt; auch seine Phantastereien wenden sich gegen die Vorstellung einer Vorherbestimmung. Wenn der verliebte Jan Olav dem Orangenmädchen mal einen äußerst gutaussehenden BWL-Gatten andichtet, mal eine Grönlandexpedition im Hundeschlitten, dann aber eine seltene, nur durch übermäßigen Orangenverzehr zu heilende Krankheit, ist das nicht nur herrlich komisch und erzeugt imaginäre Jeunet-Kurzfilme; wie abstrus sie auch sein mögen, seine Geschichten sind doch potentielle Wirklichkeiten. Nach und nach entsteht so ein Bild, in dem der anskizzierte Schrecken von Kontingenzerfahrung nicht einfach romantisch-rosa übertüncht, sondern komplettiert wird von den vielen damit einhergehenden Chancen, den zahlreichen Handlungsoptionen zur eigenen Glücksinszenierung.

Wie diese Überlegung ist auch Eva Dahrs Verfilmung (wie jede Verfilmung) nur eine von vielen Möglichkeiten der Lektüre. Mühselig, im einzelnen die Abweichungen gegenüber der Vorlage hervorzuheben, darum kann es auch nicht gehen: Ohne die Freiheit zur eigenen Akzentuierung und Veränderung verlöre ein solches Projekt ja seinen Reiz. Bloß ist das Ergebnis in diesem Fall eine Spur zu gefällig, denn die eine große, durch Gaarder so charmant und beiläufig vom Thron gestupst, wird hier erneut gekrönt, die ewig währende, echte Liebe der Kürze des Menschenlebens entgegengestellt. Ungebrochen konventionell sucht der junge Mann die rätselhafte Frau, während Orangen und Orange nicht nur die Sequenzen der Vergangenheit mit jenen der Gegenwart verknüpfen, sondern auch den jungen Sohn (ergo den Film) zu seinem eigenen, romantischen Happy Ending führen.

»All you need is love« ist nun aber weder eine besonders originelle noch eine befriedigende Entgegnung auf das Transitäre, das der Film wiederholt in Szene setzt. Kaum ein Zeitwechsel, der nicht das Unterwegssein bebildert: die fahrende Straßenbahn, der fahrende Zug, die Skifahrer, ein rennender Mensch, ein Auto wird geschoben, ein Komet zieht vorbei. Unbestreitbar ein gelungener Versuch, das Thema der menschlichen Vergänglichkeit visuell aufzugreifen, ohne dabei zu plakativ oder aufdringlich zu wirken. Der orangefarbene Faden nimmt die gleiche Funktion bezüglich einer schicksalhaften Bestimmung ein, auch das funktioniert – nur inhaltlich mag man sich eben daran stören. Tut man dies nicht, ist der Film zwar trotzdem noch kein großer Wurf, für den Advent aber ein angenehmer Zeitvertreib, der Gefühlsregungen in zuträglichen Dosierungen verspricht. Über die wechselhaften Schauspielleistungen der Protagonisten in der Binnenhandlung (ein bisweilen gestelztes Orangenmädchen und ein recht jungenhafter Jan Olav) muß man hinwegsehen, kompensiert werden sie in der Rahmenhandlung durch das überzeugende und natürliche Spiel von Emilie K. Beck und Rebekka Karijord, vor allem aber durch die Begeisterung beim Anblick des ausdrucksstarken Mikkel Bratt Silset, der einen wütenden, schroffen, aber auch unsicheren und verletzten Georg gibt. Wenngleich die Konflikte der Figuren nicht immer schlüssig erscheinen, hebt sich der Film hier doch sehr wohltuend vom Roman ab, macht dessen Schwäche offenbar, seine Protagonisten der Austauschbarkeit preiszugeben und nur als Vehikel für den Ideentransport zu nutzen – unübersehbar bei Georg, der nichts anderes zu tun hat, als zu lesen und zu verstehen, weshalb es nachvollziehbar und sinnvoll war, seinen filmischen Part zu erweitern. Im Ansatz lobenswert auch das Bemühen, den Figuren mehr Körperlichkeit zu verleihen; das Buch verleidet diese dem Leser durch peinlich-nüchterne Andeutungen oder läßt sie gänzlich missen, befremdlich angesichts seiner Themen. Nichtsdestotrotz vermag dies des Filmes simplifizierte Geschichte – ihrer Pointe beraubt – nicht aufzuwiegen; ärgerlich bleiben die schwachen Frauenfiguren und die verklärte Belanglosigkeit. Tut zwar nicht weh. Aber das ist ja das Problem. 2009-12-04 10:48

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