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Saw VI

CDN/USA/GB/AUS 2009. R: Kevin Greutert. B: Marcus Dunstan, Patrick Melton. K: David A. Armstrong. S: Andrew Coutts. M: Charlie Clouser. P: A Bigger Boat, Twisted Pictures. D: Tobin Bell, Costas Mandylor, Mark Rolston, Betsy Russell, Shawnee Smith, Peter Outerbridge, Athena Karkanis, Samantha Lemole u.a.
90 Min. Kinowelt ab 3.12.09

Die Hölle des Gleichen

Von Matthias Wannhoff Der Horror eines jeden Genres, nicht nur des gleichnamigen, ist immer schon der Horror des freien Marktes. Denn kaum waren die bewegten Bilder geboren, da wurden sie im Amerika des Taylorismus auch schon von jenem Standardisierungsdrang erfaßt, der wenig später als sein wohl prominentestes Kind die Fließbandproduktion hervorbringen sollte. Wie stark sich damals Filmrollen und Fließbänder ähnelten, verrät eine Statistik der American Film Manufacturing Company aus dem Jahr 1911, die durch den ständigen Rückgriff etwa auf die gleichen Schauplätze und Kostüme zwei Western pro Woche abliefern konnte. Gemessen an den Budgets aktueller Blockbuster mag ein solches Vorgehen irrwitzig erscheinen, und dennoch folgt jedes Filmgenre seit dieser Geburt der Serie aus dem Geist des Marktes letztendlich zwei Grundprinzipien: Wiederholung und Variation.

Dem modernen Horrorfilm fällt hierbei insofern eine Sonderstellung zu, als er diese Logik, die sich eigentlich in der genrehistorischen Dimension und damit auf einem bestimmten Filmkorpus abbildet, direkt auf seine Erzählung anwendet: Schließlich errechnet sich die innerfilmische Produktivität in Splatter- und Slasherfilm, streng ökonomisch, aus dem Verhältnis zwischen Figurenmenge und variantenreicher Dezimierung derselben, dem »Body Count«. Damit spiegelt das Genre auch in seinen sozialkritischen Momenten höchst offen den Horror des kulturindustriellen Kapitalismus.

Während also jeder Splatterfilm über das Sujet des Serienmords sein übergreifendes Strukturprinzip auf Plotlänge rafft, versucht sich die Saw-Reihe seit fünf Jahren zusätzlich an einem Projekt, welches eher den Gesetzen der Dehnung als denen der Stauchung gehorcht: Als ginge es darum, die Dramaturgie des Fernsehens ins Lichtspielhaus zu transportieren, sucht die Reihe nicht nur in schnöder Regelmäßigkeit die US-Kinos heim – nämlich alljährlich am Wochenende vor Halloween –, sondern vertraut zudem höchst exzessiv auf Schlußwendungen, für die der televisionäre »Cliffhanger« begrifflich völlig adäquat ist. Alle Jahre wieder drängt so eine Verschränkung aus maschinengestütztem »creative killing« und non-linearer Erzählung in den Vorführraum, deren Rückblendenfetisch seinen Akteuren den Luxus der Wiederbeschäftigung sichert, obgleich die jeweiligen Charaktere längst das Zeitliche gesegnet haben.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob ein Stoff in der nunmehr sechsten Auflage überhaupt noch den Ansatz einer Pointe abwerfen kann. Im Falle von Saw VI findet sich die Antwort vielleicht darin, daß die Autoren den akuten Sozialhorror namens Finanzkrise – was den Film derweil in eine lange Genretradition stellt – keinesfalls ignorieren, sondern auf äußerst produktive, also blutige Weise verarbeiten: So sind es jetzt eben keine Voyeure oder Drogenwracks, denen das »carpe diem« über den apparativen Zwang zur Selbstfolter eingebläut werden soll, sondern Kredithaie sowie die Führungsetage einer Krankenversicherung, die Profit über Menschenleben stellt – was insofern ironisch ist, als der Film selbst im Grunde nichts anderes tut. Wenn sich eine Reihe also narrativ wie ökonomisch derart der Serialität verschreibt, dann darf letztere auch den ästhetischen Vergleichsmaßstab liefern: Schließlich verkauft die US-Fernsehserie Dexter bereits seit vier Staffeln das Paradox des »moralischen Serienkillers« wesentlich intelligenter, ironischer, besser gespielt. Demgegenüber wirken in Saw VI selbst die diversen Tötungsmethoden, einsames Areal der Kreativität in den vergangenen Teilen, eigenartig vertraut. Weshalb die Leinwand weniger vom Schock als von jenem Horror heimgesucht wird, der entsteht, wenn die Variation gegen die Wiederholung verliert, und den Baudrillard einst die »Hölle des Gleichen« nannte. 2009-12-01 13:01

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