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New Moon – Biss zur Mittagsstunde

The Twilight Saga: New Moon. USA 2009. R: Chris Weitz. B: Melissa Rosenberg. K: Javier Aguirresarob. S: Peter Lambert. M: Alexandre Desplat. D: Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner, Ashley Greene, Peter Facinelli, Nikki Reed, Michael Sheen u.a.
130 Min. Concorde ab 26.11.09

An den dunklen Klippen der Adoleszenz

Von Kristina Schilke Sex, Drugs and Rock ‘n' Roll. Das war wohl nicht das Motto von Stephenie Meyer, gläubige Mormonin und dreifache Mutter, als sie 2005 den ersten Teil der vierteiligen Twilight-Saga herausbrachte. In der immens erfolgreichen Jugendbuch-Reihe geht es um die anfangs 17jährige High-School-Schülerin Bella Swan in der Stadt Forks inmitten der magischen, waldreichen und klippenvollen Landschaft des Mittleren Westens, die sich in den Vampir Edward Cullen verliebt.

Bella Swan, ein schöner Schwan also, hat die Autorin ihre Figur genannt, da sie schon immer eine Tochter haben wollte, die sie so taufen könnte, sie selbst ist lediglich mit drei Söhnen gesegnet. Das Besondere und recht Ungewohnte an den Twilight-Büchern war die Keuschheit, die christlich geregelte Sexualität. Innerhalb der Genretradition ein fast schon ultrakonservativer Gedanke, war doch schon immer das Beißen, das Blutschlecken, die monströse Libido der Vampire und die wohl noch monströseren Erektionen der verführerischen, männlichen Vampire Teil des Kults. Bram Stokers »Dracula« zum Beispiel erschien im Jahr 1897 in einem gelben Einband. So etwas wie pißgelb. Damals ein sichtbares Zeichen für pornographische Literatur. Doch Meyer schrieb nicht nur eine Vampir-Mär nach ihren religiösen Vorstellungen, sondern modifizierte auch Teilaspekte der Sagen auf neuartige Weise. So zerfallen die nachtgeprüften Vampire nicht mehr zu Staub bei den ersten Strahlen reiner Sonne, sondern glänzen stattdessen wie Diamanten, was mindestens ebenso auffällig ist. Zu schön blendet dann ihre funkelnde Haut. Statt tagsüber in einem beschwerlich engen Sarg zu schlafen, schlafen sie überhaupt nicht und beschäftigen sich in ihrem ohnehin unendlichen Leben mit der so gewonnenen Zeit je nach individuellem Bildungsgrad des Vampirs entweder mit dem Klavierspiel ausgesuchter Klassiker oder dem schändlichen Abschlachten von Menschen. Selbstverständlich mußte das alles verfilmt werden. Und das wurde es auch – mit der mormonisch mahnenden Stimme Stephenie Meyers im Hintergrund.

Twilight, New Moon, Eclipse, Breaking Dawn. Filmtechnisch ist man da bisher beim Monde angelangt. Twilight, also Dämmerung oder Abenddämmerung, ist das langsame und weiche Übergangslicht zwischen Abend und Nacht, man könnte sagen, eine Tageszeit voll eleganter Farbenschönheit. Würde man öfters an der verharmlosenden Kritik zu diesem ersten Teil absehen, die sich auf die vermeintliche Biederkeit bezieht, wäre klar zu erkennen, daß dem Film eben diese Attribute einer Abenddämmerung eigen sind. Das langsame Voranschreiten der Geschichte war ungewohnte Erholung, so ungewohnt, daß man auf die Eröffnung Edwards Vampirexistenz ganze drei Viertel des Films warten mußte. Verblüffend und erfreulich war, daß kein einziger Schritt in Richtung des Sex-Sells-Pfads gegangen wurde. Und was war das für ein Vampir? Daß der Hauptdarsteller Robert Pattinson, blaß geschminkt zum androgynen, rotlippigen, blonden Edward Cullen, auf Frauen wirken würde wie der Geruch einer jungen, frischen Antilope auf einen lauernden, hungrigen Alligator, wußte man damals nicht. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen. Wie sich auch der paranormale Erfolg des ersten Twilight-Films, Twilight – Biss zum Morgengrauen, herumgesprochen hat, bei einem Box Office Ergebnis von etwa 190 Millionen Dollar läßt sich dies auch nicht mehr verbergen. Unter diesen erschwerten Bedingungen und mit einem unverständlichen Regisseurswechsel – von der Drama-Fachfrau Catherine Hardwicke, verantwortlich für Thirteen und Lords of Dogtown, zum Teenager Experten Chris Weitz, seines Zeichens Macher von American Pie und The Golden Compass – entstand nun der zweite Teil: New Moon – Biss zur Mittagsstunde.

Es geht also um den Neumond. Eine dünne Sichel am Nachthimmel. Vielleicht dieses Mal etwas zu dünn geraten? Inhaltlich nicht unbedingt. Denn die Geschichte um Bella und Edward spinnt sich weiter um seine selbstlose Furcht, ihr keinesfalls wehzutun, da doch schon ausgiebig auf die geradezu unwiderstehliche Süße von Bellas Blut hingewiesen wurde. Von einem Vampir danach gefragt, wie Edward es schaffen würde, so still neben Bella zu stehen, erwidert er im edlen Sprachton eines momentan 109jährigen Unsterblichen: »Es erfordert einige Anstrengung.« An Bellas Geburtstagsfest wird nun durch eine kleine, aber wirkungsvolle Verletzung an ihrem Finger klar, daß Edwards Sippe zwar abstinent lebt – sie ernähren sich von Tieren – aber wohl noch nicht die Standhaftigkeitsplakette der Anonymen Vampire gekriegt hat, denn Bellas Blut und Bellas Leben zu widerstehen fällt den gesitteten Blutsaugern sichtlich schwer. Und im Zuge der in der Saga und folglich den Filmen ohnehin propagierten Instinktkontrolle, die sich von Sex bis zum vampirischen Hunger erstreckt, verläßt Edward seine menschliche Liebe, um ihr nicht irgendwann wehzutun oder sie nicht mehr beschützen zu können.

Doch die Twilight-Saga ist mehr als einfach nur religiös motivierte Keuschheitswerbung. Der erste Teil, Twilight, war viel mehr als das, der zweite Teil, New Moon, ist einfach nur mehr als das. Man sollte aber nicht den Fehler begehen, die Macher für unreflektierte Geldgeier zu halten, denn fast schon metafiktional ironisiert New Moon das eigene Genre, in dem es sich korsagefrei bewegt. So fliegt beispielsweise Bella mit der Fluglinie »Virgin America«. Ferner wird im gesamten Film konsequent auf einen Soundtrack mit massenkompatiblem Gothic-Einfluß verzichtet, geschweige denn flockiger Pop gespielt. Einmal ist ein süßliches Populärgedudele zu hören, das aus Jacobs Radio dringt, woraufhin Bella zielstrebig das Ganze ausschaltet und auf Jacobs Frage »Gefällt dir das Lied nicht?« antwortet: »Ich mag keine Musik in letzter Zeit.«

Eröffnen solche Kniffe eine erweiterte Sichtweise auf die Reihe, werden die Teenagerelemente leider mehr in den Vordergrund gerückt als im ersten Teil, doch ist dafür, zumindest teilweise, die uninspirierte, klischeereiche Synchronisation verantwortlich. Denn die tiefen Stimmtimbren der Darsteller, von Kristen Stewart als Bella und Robert Pattinson als Edward bis hin zu kleineren Nebenfiguren, waren dem deutschen Verleih wohl nicht zu finden vergönnt.

Geradezu rührend fällt dagegen die lächerliche Machart der CGI-Werwölfe auf, die aus dem ansonsten optisch elegant produzierten Gefüge herausfällt. Doch auch dieses Schwert ist ein zweischneidiges. Denn das Neuspinnen der Werwolf-Sagen ist nicht gerade phantasielos geschehen, so sind hier die Wölfe ausnahmslos die Indianer des Ortes, die in ihren Genen das mutierte Teilchen namens Werwolf tragen, welches aber gleichsam einer Fieberkrankheit ausbricht, sobald ein Vampir, der natürliche Feind des Werwolfs, in der Ortschaft auftaucht. Etwas anderes ist zudem bemerkenswert an der Kompanie der Werwölfe: Allesamt junge, nie frierende, äußerst trainierte und mit nichts anderem als kurzen Hosen bekleidete Burschen zelebrieren sie pure Virilität, Potenz und Sinnlichkeit des männlichen Körpers. All das ist ein im zweiten Teil noch stringenter verfolgtes Motiv, das ab und an bis auf die Spitze getrieben wird, wenn beispielsweise die stets hochgeschlossene und figurunbetont gekleidete Bella inmitten einem halben Dutzend Oberkörper freier, Testosteron ausschwitzender Werwolfjungs sitzt und kein einziges Mal oberflächlich krude Sexualität ins Spiel kommt, sondern Muffins gegessen und über die Liebe geredet wird.

Dieses genreuntypische Stilmittel wird in New Moon mit einer bemerkenswerten, geradezu alles verschlingenden Konsequenz eingesetzt. Selbstverständlich könnte man dies auf die Berechnung schieben, daß der Großteil des Publikums wahrscheinlich aus pubertierenden, sexuell gerade erst erwachenden Mädchen bestehen wird, doch kann dies nicht alles sein, da das offensichtlich Sinnliche des Männlichen hier bis zu einem Grad freiwilliger Komik hervorgehoben wird.

So wie dieses Motiv verfolgt wird, wünscht man sich dasselbe zu einigen philosophischeren Strängen, die nur Plot-Futter bleiben wie dem Problem des Alterns in Anbetracht der ewig jungen Unsterblichkeit. Wie wird Edward nach fünfzig Jahren die natürlich gealterte Bella überhaupt noch begehren können? Eine weitere, unverständliche Zutat ist ein Schmuckstück der religiösen Gesinnung des Films, nämlich der verdächtig oft erwähnte Begriff der Seele, der hier in seiner Selbstverständlichkeit und Wichtigkeit allenfalls stutzig macht.

Schwächen sind also, zugegeben, vermehrt in diesem zweiten Teil zu finden. Doch man sollte optimistisch bleiben, denn dieser Optimismus ist reichlich berechtigt. Optimistisch bleiben und hoffen, daß New Moon als der zweite Teil der Twilight-Saga wie das ominöse zweite Album einer anfangs hochgejubelten Band ist: Simpler und ein wenig zu angepaßt, aber immer noch das Anschaffungsgeld wert. Daß sich die Bandmitglieder jedoch beim dritten oder vierten Album wieder fangen, das ist ein Wunsch, den man auch bei der Twilight-Saga nicht aus den Augen verlieren sollte. 2009-11-25 19:45

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