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Tulpan

D/KZ/PL/RUS/CH 2008. R,B: Sergei Dvortsevoy. B: Gennadi Ostrovsky. K: Jolanta Dylewska. S: Petar Markovic, Isabel Meier. P: Pallas Film. D: Tolepbergen Baisakalov, Ondas Besikbasov, Samal Esljamova, Askhat Kuchencherekov, Bereke Turganbayev.
100 Min. Pandora Film ab 3.12.09

Von der Herde entfernt

Von Alexander Scholz Die kasachische Steppe ist gnadenlos. In der immergleichen Umgebung ist der umherwehende Staub das einzige, was der trockene Boden hervorbringt. Eigentlich erwartet man bei einer solchen Landschaft großzügige Totalen, die die Figuren in den Weiten des Nichts suchen, um einsame Helden zu finden. Tulpan ist anders – das fällt schnell auf. Das Suchen der Kamera scheint nicht auf ein konkretes Ziel gerichtet zu sein. Ihr stets limitierter Blick findet in langen Einstellungen Gesten, Windhosen oder umherlaufende Tiere. Dies geschieht, ohne den Eindruck zu vermitteln, daß an einem bestimmtem Punkt des Films ein bestimmtes Bild unbedingt erforderlich sei. Durch behutsame Montage der Impressionen entsteht eine Stimmung, die dazu einlädt, sich dem Regisseur Sergej Dvortsevoy anzuvertrauen und ihn langsam die Geschichte des ehemaligen Matrosen und ambitionierten Hirten Asa erzählen zu lassen.

Natürlich bedingen sich das gemächliche Tempo der Fabula-Erzählung und die teilweise assoziative Ordnung des Sjuzets. Dvortsevoy, dessen Metier bisher Dokumentarfilme waren, zeigt mit Tulpan, daß er deren inszenatorische und dramaturgische Stilmittel sehr ergiebig auf den Spielfilm übertragen kann. Asa ist in dem Dilemma gefangen, ohne Frau keine eigene Schafherde anvertraut zu bekommen und ohne eigene Herde keine Frau für sich gewinnen zu können. Seine recht hilflos anmutenden Bemühungen, zunächst einmal das Problem mit den Tieren zu lösen, verbildlichen seine Lage auf tragikomische Weise: Er versucht lange vergeblich, die Herde zusammenzutreiben, bis die Schafe so viel Staub aufgeweht haben, daß Asa nicht mehr zu sehen ist. Der heimgekehrte Matrose muß feststellen, daß es in der Steppe ziemlich egal ist, was man tut – Staub wird immer aufgewirbelt. Sein Schwager Ondas ist wesentlich geschickter im Umgang mit der Herde. Doch selbst unter seiner Aufsicht entfernen sich Tiere. Jetzt erlebt der Zuschauer einen der seltenen Momente einer totalen Bildkomposition. Dieser ist jedoch nur dem Umstand geschuldet, alle Beteiligten dieser poetischen Szene zeigen wollen, um das Bild voll zur Geltung kommen zu lassen.

Wenn sich die Figuren in ihrer Jurte aufhalten, werden die Bewegungen der Kamera manchmal etwas hektisch, weil Dvortsevoy die Authentizität jedes Augenblicks bewahren will und das Instrument des Schnitts ihm dabei offenbar hinderlich erscheint. Diese Entscheidung beschert dem Zuschauer viele kontemplative Momente, verlangt von ihm aber auch ein besonderes Maß an Geduld. Doch selbst das Motiv der Langmut steht nicht für sich, sondern wird durch die Figur des Protagonisten inhaltlich aufgenommen: Er bringt Tulpan, der Frau, die er gerne heiraten möchte und die sich mit dem Argument, er habe zu große Ohren, weigert, genauso viel Verständnis entgegen wie seinem lüsternen Kumpel Boni, der ihn ständig dazu bewegen will, in die nächste Stadt zu ziehen. Charakteristisch für den Film ist, daß die Frau und die Stadt als potentielle Ausbruchsmöglichkeiten aus dem Hier und Jetzt nur als klassische MacGuffins vorkommen. Ähnlich wie im Berlinale-Gewinner von 2007, Tuyas Hochzeit, wird auch in Tulpan durch die schiere Ausweglosigkeit des Settings eine private Atmosphäre erzeugt. Daß bei zwei Filmen, die thematisch so ähnlich sind, eine solche filmische Diversität zu beobachten ist, spricht für das Genre und gegen den Herdentrieb. 2009-11-26 13:00

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