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Privatunterricht

Elève libre. B/F 2009. R,B: Joachim Lafosse. B: François Pirot. K: Hichame Alaouié. S: Sophie Vercruysse. P: Versus Production. D: Jonas Bloquet, Jonathan Zaccaï, Claire Bodson, Yannick Renier, Pauline Etienne, Anne Coesens, Johan Leysen.
104 Min. Pro-Fun ab 21.1.10

Schleichender Mißbrauch

Von Martin Wolkner Was haben Tennis und Sex gemein? Das Gestöhne, und auf diesen gemeinsamen Nenner gebracht beginnt Privatunterricht in Dunkelheit. Der Zuschauer wird mit gleichmäßigem Keuchen alleingelassen. Natürlich erkennt er am Rhythmus und den Nebengeräuschen, daß es sich um den Ton auf einem Tennisplatz handeln muß, aber sexuelle Assoziationen liegen bereits nahe.

Es folgen harmlose Passagen aus dem Leben des tennisspielenden Jugendlichen Jonas, der für den Sport hart trainiert, aber darüber die Schule vernachlässigt – so sehr vernachlässigt, wie seine geschiedenen Eltern ihn: Die Mutter flirtet im Süden, und zum Vater besteht kaum Kontakt. Mit seinem älteren Bruder auf sich allein gestellt fliegt Jonas nach dreimaligem Sitzenbleiben von der Schule. Eine Tenniskarriere kommt nicht wirklich infrage, und mit seiner neuen Freundin hält er beim gemeinsamen ersten Mal nicht lange durch. Jonas fühlt sich als Versager, und der Zuschauer wähnt sich in Sicherheit. Gut, daß Jonas in drei intellektuellen Freunden seiner abwesenden Mutter liberale Unterstützer an seiner Seite hat. Bei einem von ihnen darf er einziehen, sie kaufen ihm teure Bücher, damit er selbständig lernen kann, und sie geben ihm Tips, wie er mit seiner Freundin länger durchhält. Das ist doch ganz freundlich von ihnen. Aber wo will der Film eigentlich hin, fragt sich der Zuschauer.

Nach und nach verdichten sich die Sexgespräche neben dem Mathe- und Philosophiepauken, und bald werden daraus Angebote zu wohlwollendem Anschauungsunterricht, dann zu subversivem Praxisunterricht. Allmählich schwant dem Zuschauer, daß diese drei Freunde den Privatunterricht vollkommen tabulos gestalten und was daraus unausweichlich folgen muß. Ein Gefühl der Bedrohung der jugendlichen Unschuld durch die erwachsene Freizügigkeit zieht sich langsam wie ein Strick um den Hals des Zuschauers, bis ihm die Luft wegbleibt.

Das Perfide ist die geschickte Kameraarbeit, die aus dem gut produzierten Drama etwas für den Zuschauer Vertracktes macht, ihn zwischen Schaulust und Verantwortlichkeit positioniert. Die langen, ruhigen Einstellungen vermitteln sehr stark die unbeteiligte Beobachterposition. Wenn unterschiedliche Blickwinkel gefordert sind, bewegt sich die Kamera behutsam und perfekt choreographiert. Häufig ist die Kamera aber einfach statisch und erlaubt, daß die Protagonisten von der Leinwand verschwinden. Das alles erzeugt tiefen Realismus und Natürlichkeit. Die Kamera geht nah an Jonas heran und wird dadurch sehr intim und persönlich, teils voyeuristisch.

Um das Gefühl des Realismus zu verstärken, verzichtet der belgische Regisseur Joachim Lafosse, Jahrgang 1975, konsequent, fast dogmaesque auf extradiegetische Musik. Die beiden belgischen Clublieder im Film gehören zur Filmwelt. Es gibt sonst keinen Soundtrack, was jedoch aufgrund der Eindringlichkeit erst zum stummen Abspann auffällt. Die Beleuchtung wirkt gleichermaßen natürlich.

Langsam steigert sich die Spannung, indem die Unschuld des Jugendlichen durch die Sittenlosigkeit der pädophilen Erwachsenen mehr und mehr unterminiert wird. Der Zuschauer macht sich in gewisser Weise vor der Leinwand sitzend der Komplizenschaft schuldig, weil er nichts gegen den absehbaren und kompromittierenden Mißbrauch unternehmen kann. Im Gegensatz zu den drei Erwachsenen ist sich der Beobachter darüber im Klaren, daß die Freundlichkeit in schleichenden Mißbrauch umschlägt. Was anfangs vernünftig klingt, überschreitet in der tatsächlichen Umsetzung moralisch-sittliche Grenzen. Der Zuschauer sitzt in der Klemme und kann nur hoffen, daß Jonas aus eigener Kraft erkennt, welch böses Spiel mit ihm (im wahrsten Sinne des Wortes) getrieben wird, und dieses unterbindet, bevor es zu spät ist. 2010-01-18 12:26

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