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Low Lights

Artimos sviesos. LT 2009. R,B: Ignas Miskinis. K: Rolandas Leonivicius. S: Gesa Marten. M: Markus Aust. P: Tremora. D: Dainius Gavenonis, Julia-Maria Köhler, Jonas Antanelis, Kiril Glusajev, Mantas Kisielius, Tomas Kizelis, Denisas Kolomickis, Mindaugas Kucila u.a.
92 Min. 3L ab 29.04.10

Platz für Geheimnisse

Von Tamar Noort Jeder Mensch hat das Recht auf ein Geheimnis, das meint zumindest Dan Brown. Der Soziologe Georg Simmel hält das Geheimnis gar für eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit. Es sei kindisch, so Simmel, jede Vorstellung sofort auszusprechen, denn in dem Geheimnis verberge sich die Chance, eine ungeheuere Erweiterung des Lebens zu erreichen. Neben der realen Welt entsteht die Möglichkeit einer zweiten Welt – und beide Welten treten ständigen in Interaktion miteinander.


Die Figuren in Low Lights sind genau auf diesem schmalen Grat unterwegs: Sie oszillieren zwischen der realen Welt und dem Reich der Geheimnisse, finden jedoch nirgendwo Halt. Drei Menschen verbringen die Nacht zusammen im Auto, sie fahren ziellos umher und umkreisen sich gegenseitig. Alle drei haben unterschiedliche Motive, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen und die Gesellschaft der anderen zu suchen – und sie verheimlichen ihren Gefährten ihre wahren Hintergründe. Größtenteils komprimiert auf dem engen Raum im Auto inszeniert der litauische Regisseur Ignas Miskinis die Beziehung der Drei und ihre sich verstrickenden Geheimnisse. Dazu nutzt er geradezu klassische Mittel. Die drei setzen sich zusammen aus einem geheimnisumwitterten Vamp mit Trenchcoat und knallroten Lippen und zwei Männern, die ihr zu Füßen liegen. Einer verkörpert den Draufgänger, der ihr bei jeder Gelegenheit ein bißchen näher auf die Pelle rückt, der zweite bewundert sie lediglich still – und leidet unter den Avancen seines Kumpels, denn die umworbene Schöne ist seine Ehefrau. In dieser Nacht allerdings ist sie für ihn eine vollkommen Fremde – ein Spiel, das dem Gatten jegliche Nähe entzieht und ihn zu Distanz verdammt. Sobald der Ehemann seine Frau hinüberziehen will in die reale Welt, in der sie beide ein gestreßtes junges Ehepaar abgeben, das kaum Zeit füreinander findet, versperrt sie ihm den Weg. Für die Dauer einer Nacht ist sie in jener zweiten Welt untergetaucht, in der niemand den anderen oder seine Beweggründe kennt.

Mit dem Aufbau dieser zwei Welten, dem Verharren der Figuren mal in der einen, mal in der anderen Realität setzt Ignas Miskinis zu einer durchaus sehenswerten Reflektion über Nähe und Distanz, Offenheit und Verschwiegenheit in menschlichen Beziehungen an. Dennoch bleibt Low Lights einer wahren Auseinandersetzung mit seinem Thema fern. Gerade die klassischen Mittel arbeiten am Ende gegen den Film: Der Lippenstift ist eine Spur zu rot, der Augenaufschlag ein wenig zu verrucht, die beiden Männerfiguren ein bißchen zu deutlich voneinander abgesetzt. Aus jeder Pore will der Vamp Geheimnis atmen, doch zu sehen ist eine durchschnittliche junge Frau, die sich für einen Abend verkleidet hat. Sie und ihre beiden Nachtgefährten jagen einem Lebensgefühl nach, das sie jedoch nicht verinnerlichen, sondern sich nur für eine Nacht überziehen wollen wie eine warme Decke, wenn man kalte Füße hat. Eine wahrlich geheimnisvolle Atmosphäre kann so gar nicht erst entstehen – wirklich Platz für Geheimnisse bietet der Film nicht. 2009-11-24 11:39

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