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Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte

Capitalism – A Love Story. USA 2009. R,B: Michael Moore. K: Daniel Marracino, Jayme Roy. S: John Walter, Conor O'Neill. M: Jeff Gibbs. P: Dog Eat Dog Films.
126 Min. Concorde ab 12.11.09

Auf den Poden, Pürger

Von Sascha Ormanns Der Kapitalismus steckt in der Krise. Mist. Es wurde also wirklich Zeit, daß sich Michael Moore dieser Thematik annimmt, um einen populären Blick darauf zu werfen. Wer, wenn nicht der »glaubwürdige« Moore könnte sich dieses Topos’ faktisch so neutral annehmen? Vielen Dank schon mal dafür. Doch fangen wir vorne an.

Die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema könnte aktueller nicht sein, pünktlich zum Jubiläum des Mauerfalls konfrontieren uns auch die Medien mit Debatten rund um den Kapitalismus. Die Wiedervereinigung sei noch nicht in Gänze abgeschlossen, die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Ost und West, immer noch weit geöffnet. Die Menschen seien größtenteils unzufrieden mit der kapitalistisch ausgerichteten Marktwirtschaft. Dies ergab auch eine kürzlich veröffentlichte britische Studie, dernach die Amerikaner noch mit am zufriedensten mit diesem Wirtschaftssystem seien. Das mag verwundern, wenn man Moores gewähltem Fokus in Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte Beachtung schenkt, und all seine, eigentlich rein amerikanischen, Beispiele verfolgt. Diese sind wiederum der Grund, weshalb sich eine durchgängige Langeweile beim Betrachten des Films entfaltet, gerade weil sie fürs deutsche Publikum so nichtssagend daherkommen. Sicherlich, die USA mögen da prototypisch für mehrere Nationen stehen, eventuell gar für einen Großteil der Welt, doch genau bei diesem kleinteiligen Durchexerzieren eben US-amerikanischer Fragestellungen fehlt eindeutig der Bezug zur deutschen Zielgruppe. Eigentlich immer Michael Moores Problem – vielmehr: das seiner Filme. Was man ihm, das sei fairerweise gesagt, nicht zwingend vorwerfen muß, schließlich ist er amerikanischer Filmemacher.

Michael Moores größeres Problem (und das kann man ihm wiederum vorwerfen) ist seine mittlerweile inhärente Unglaubwürdigkeit, er bewegt sich – eben nicht nur zu detailgeschwängert an amerikanischen Fällen entlang – sondern auch zu nah, vielleicht zu sehr (und zu zwanghaft) auf Augenhöhe mit den Betroffenen, der armen Bevölkerungsgruppe. Er ist nunmal nicht Teil eben dieser, war es auch noch nie, möchte uns dies aber gleichwohl glauben machen. Mitleiderregend soll dies wohl sein und ist es auch durchaus, jedoch kauft man Moore den Kämpfer des Proletariats schlicht nicht mehr ab; längst glaubt man ihm den Robin Hood nicht mehr, vielmehr ist er mittlerweile zum Sheriff von Nottingham avanciert. Und genau hier liegt die Krux, Michael Moore funktioniert nur dann, wenn man ihm neutral bis sympathisierend gegenübertritt, ihm einen ernsthaften Wunsch nach Verbesserung zugesteht, nicht jedoch, wenn er eigentlich selbst für das steht, was er anprangert: den Kapitalisten. Eine gewisse Selbstreflexivität hätte diesem Unterfangen durchaus gutgetan.

Dabei ist es gewiß nicht so, daß Michael Moore in Kapitalismus gänzlich versagt oder gar wirklich dumme Fehler beginge – unbestreitbar ist, daß er partiell zu berechnend auftritt. Doch in Ansätzen ist durchaus Gelungenes zu entdecken: So zum Beispiel die womöglich größte Stärke des rundlichen Mützenträgers, das Suchen und Finden von Gesprächspartnern, die seine oft zwar zugespitzten, aber nichtsdestoweniger gerechtfertigten Kritikpunkte untermauern. Wenn er beispielsweise – und das ganz zurecht – die Undurchschaubarkeit, das Unverständliche, die Kompliziertheit des krankenden Wirtschaftssystems vorführt, indem er Experten nach dessen Funktionsweise befragt, die schlicht nicht in der Lage sind, diese zu erläutern, dann macht dies zwar einerseits wütend, doch offenbart das andererseits auch eine gewisse Komik, veranschaulicht es doch nur die Lächerlichkeit des gesamten Finanzwesens. Und zeigt es doch zumindest einen möglichen Grund für das Scheitern und Zusammenbrechen der Märkte, des Systems. Moores Popularität ist es letztlich auch geschuldet, daß das gezeichnete Bild in Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte so einseitig ausfällt. Auch die Kritisierten kennen ihn mittlerweile und sind deshalb verständlicherweise nicht bereit, mit ihm zu diskutieren, sich seinen Fragen zu stellen. Sie nehmen ihm ebenso nicht mehr ab, ein tumber Tor zu sein und kennen seine Praktiken. Und somit ist offensichtlich, wieso Moore es letztlich nur vermag, die Meinungen Gleichgesinnter zu collagieren. Gewiß gelingt es ihm so, einen klaren Standpunkt zu beziehen, und das war wohl durchaus seine Intention, doch ist dieser Tatsache auch geschuldet, daß sein neuer Film zu schlichtem Aneinanderreihen einseitiger Meinungen verkommt. Ohne Gefahren, ohne Zweifel, schließlich gibt es keine Gegenargumente. Nur Befürworter. So auch – und hiermit gelingt Michael Moore tatsächlich ein Geniestreich – in der Sequenz, die F.D. Roosevelt zeigt, wie er die nicht offizielle »second bill of rights« verliest, in denen der damalige Präsident ein Recht auf Arbeit, auf Lohn, von dem man leben kann, Gesundheitsfürsorge, Bildung für alle und das Recht auf ein Dach überm Kopf fordert. Hierin blitzt Moores Einfallsreichtum wieder kurz auf, die Entscheidung, dieses verlorengeglaubte historische Dokument in seinen Film zu montieren und ihm im Mooreschen Kosmos eine ganz eigene Bedeutung zu verleihen, ist gewitzt und offenbart sehr schön, wie gegensätzlich sich die heutige Realität zu damals Erträumtem verhält. Außerdem zeigt es sehr treffend, und das könnte durchaus für Kontroversen sorgen, daß der heutige (Turbo-)Kapitalismus so ziemlich gegen all das spricht, worauf die Vereinigten Staaten gebaut sein wollen. 2009-11-17 15:06

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