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Tannöd

D 2009. R: Bettina Oberli. B: Petra Lüschow, Bettina Oberli. K: Stéphane Kuthy. S: Michael Schaerer. M: Johan Söderqvist. P: Hugofilm. D: Julia Jentsch, Filip Peeters, Monica Bleibtreu, Bernd Tauber, Nils Althaus, Janina Stopper, Gundi Ellert, Peter Harting u.a.
104 Min. Constantin ab 19.11.09

Waldeinsamkeit

Von Werner Busch Der durchschnittliche Krimileser – weiblich, 50, dumm – konnte damit wenig anfangen: Es ist keine detektivische Suche nach einem Schuldigen, es gibt keine Hauptfigur. Das Buch besteht aus sehr kurzen Szenen, die Perspektive ständig wechselnd, nichts zum Festhalten, zerfranstes Erzählen in karger Sprache. Und dann wird gen Ende ganz nebenbei der Mörder enthüllt, Buch aus, vielen Dank. Schlimmer noch: »Tannöd« war beinahe unanständig erfolgreich. Dann wurden dem Roman durch einige Rezensenten auch noch große literarische Qualitäten zugesprochen, während gleichzeitig ein Großteil der Berichterstattung darum bemüht war herauszustellen, daß es sich bei der Debütautorin ja lediglich um ein Hausmütterchen handele. Spätestens hier witterten die Fans von schriftstellerischen Nulltalenten wie Jacques Berndorf rebellische Morgenluft und verschrien das schmale Bändchen kopfschüttelnd zu einer feuilletonistischen Luftblase. So kam es, daß in der historischen Gesamtschau der Erfolg von »Tannöd« zweifelhaft erscheint. Die Reduktion der erzählerischen Mittel wurde zu einer Reduktion des Könnens der Autorin vernannt. Man mag über den Roman urteilen wie man will, gegenüber seiner Verfilmung hat er einen unschätzbaren Vorteil.

Bettina Oberlis Film bleibt der Geschichte seiner Vorlage treu. Allein die unsichtbare Hauptfigur des Romans bekommt hier ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte. Und sogar eine Verbindung mit den Morden. Damit würde sich die Möglichkeit eröffnen, daß die von Julia Jentsch gespielte Kathrin als unvoreingenommene Dorfermittlerin aktiv wird. Aber das geschieht nicht. Sie ist lediglich immer wieder nur »dabei«, wenn die Leute anfangen, von den Morden zu erzählen. Auftritt: Unser Mann von der Farbkorrektur. Für die ausgedehnten und vielzähligen Rückblenden. Das hat leider zur Folge, daß die für den Film eingebaute und ausgebaute Figur einen Geruch der Überflüssigkeit nicht abwaschen kann, zumal Jentschs Spiel überwiegend blaß bleibt. Tannöd ist kein Kriminalfilm. Aber ein Drama sollte es doch allemal sein: inzestuöse Beziehungen, Neid, Mißgunst, dumpfes Dörflertum in einem zum Ersticken engen Sozialgeflecht, die Verdrängungsmentalität der 1950er, etc. pp. Aber hier ist der Film noch etwas platter als das Buch, bis zur völligen Unglaubwürdigkeit. Es zeigt sich, daß der Film seiner Vorlage nicht treu bleibt. Nicht treu bleiben will. Denn der Roman besticht vor allem durch seine radikale Verweigerungshaltung. Die will der Film zwar nicht völlig aufgeben, will aber dennoch risikofreie Spielfilmware sein. In diesem kaum möglichen Spagat wird Tannöd zu einem Beleg für eine Haltung, die das aktuelle deutsche Kino zu einem der langweiligsten der Welt macht: die nach Filmförderung heischende Kompromißmaximierung, die Suche nach der Ausgewogenheit, der Allgemeinverträglichkeit – dem Mittelmaß.

Also: kein Kriminalfilm. Dafür ein schwaches Drama. Keine erwähnenswerten schauspielerischen Leistungen. Da kann nicht viel bleiben, würde man denken. Und dann gibt es dennoch etwas, das den Zuschauer auch gegen seinen Willen anrührt und packt. Es sickert durch die Bilder, durch einfache, stumme, statische Einstellungen in den Zuschauer ein. Ein Gefühl von Bedrohung, ein Gefühl von Dingen, die man nur im Augenwinkel, viel zu kurz, um nur eine Kontur zu erahnen, zu sehen glaubt. Das sind die Bilder des Waldes, die allein aus pragmatischen Gründen aufgenommen und hineinmontiert wurden, um zwei Erzähleinheiten voneinander zu trennen. Statische Einstellungen eines Tannenwaldes im Halbdunkel, mal regungslos, dann wieder mit sturmneigenden Spitzen, dazu auf der Tonspur das Rauschen und Knacken des unbelebten Holzes. Es ist beinahe erschreckend, wie viel dieser blasse Film durch diese einfachen und deshalb so ansprechenden Bilder gewinnt, die Editor Michael Schaerer erfreulicherweise länger stehen läßt als dies handwerklich nötig wäre. Dadurch beginnen die Bilder plötzlich für sich selbst zu sprechen, und der Film beginnt kurzzeitig zu leben. Gefunden wurden diese Bilder in der unscheinbaren Westeifel, in der Nähe des Ortes Winterscheid. Der Wald ist hier so unspektakulär wie es sich nur irgend denken läßt und genau deshalb so bedrohlich. Die einfachen Stimmungsbilder werden plötzlich zu inneren Landschaften, nicht nur der Figuren, sondern des gesamten Films. Was aber nichts daran ändert, daß einige wenige stimmungsvolle Momente immer noch keinen guten Film machen. Statt eines weiteren mäßigen Kinovergnügens sei deshalb ein ausgedehnter Waldspaziergang in einsamstem Forst angeraten. Die Angst, die sich dort einstellt, wenn die Irrwische wieder im Halbdunkel der Augenwinkel tanzen, läßt sich leicht mit einem beschwingten Lied von Ludwig Tieck verstärken, gesungen zu einer schlichten und eingängigen Weise der Epoche:

Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O Dir gereut
Einst mit der Zeit.
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!

Und jetzt alle… 2009-11-17 12:16

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