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Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin

Nunta muta. RO/L/F 2008. R: Horatiu Malaele. B: Adrian Lustig, Horatiu Malaele. K: Vivi Dragan Vasile. S: Cristian Nicolescu. M: Alexandru Andries. P: Castel Film Studio. D: Meda Andreea Victor, Alexandru Potocean, Valentin Teodosiu, Alexandru Bindea, Serban Pavlu, George Ivascu, Doru Ana, Tudorel Filimon u.a.
87 Min. Tiberius Film ab 26.11.09

Balkanywood

Von Franziska Schuster Nein, einen neuen Trend beginnt der Theaterregisseur Horatiu Malaele mit seinem Debütfilm sicher nicht, eher reitet er auf den Ausläufern einer Welle, die mit Emir Kusturicas magischem Realismus ihren nie wieder erreichten Höhepunkt hatte. Zum Leidwesen manches Filmemachers aus der Region hat sich in den Köpfen vieler westlicher Zuschauer das Bild des etwas verrückten, aber liebenswerten, musikalischen und stets fröhlichen Balkanbewohners derart festgesetzt, daß man dieses wie die berühmten Geister, die man rief, nun nicht mehr loswird. Ähnlich mag es vielleicht indischen Arthouse-Regisseuren gehen, die sich mit der von Bollywood geprägten Erwartungshaltung eines internationalen Publikums herumschlagen müssen.

Malaeles Rumänen sind also ein fröhliches und derbes Völkchen, dessen folkloristisch-beschauliches Landleben im Jahr 1953 – mit Ehe und Nachbarschaftsstreitigkeiten, Rivalitäten, Eifersüchteleien, einem Dorftrottel und einem romantisch verliebten jungen Paar – urplötzlich durch Ereignisse der großen Politik durcheinandergebracht wird. Die Weltgeschichte steht in Gestalt zweier kaltblütiger Russen auf dem Dorfplatz, die den Tod Stalins verkünden und den Bewohnern jegliche Freude untersagen. Nur zu dumm, daß die gerade angefangen haben, ein rauschendes Hochzeitsfest zu begehen. Nach anfänglichem Schrecken lassen es sich die unbelehrbaren Rumänen dann auch nicht nehmen, heimlich weiterzufeiern – ganz, ganz leise. Doch das hat dramatische Folgen.

Stellenweise gelingt es Malaele gar nicht schlecht, die Szenen im Dorf als mitreißendes Spektakel zu inszenieren. Zwar gleicht die nächtlich auftretende Zirkustruppe einem klischeehaft wieder aufgekochten Kusturicaschem Abstrusitätenkabinett, doch die ins Surreale abgleitende Slapstickprügelei vor der Kinoleinwand, in der Farbe und Tempo aus den Bildern genommen und ein Cartoonsound darübergelegt werden, ist grandios. Auch wenn die Grundstimmung der Geschichte nicht recht überzeugen kann, gelingen doch Momente plötzlicher Melancholie, wie die Vorahnung des Untergangs, die die junge Braut beim Anblick einer tanzenden Marionette ereilt oder das geisterhafte Wiederauftauchen der jüngst verstorbenen Dorfschönheit.

Alles in allem bleibt der Film jedoch hölzern und ist allzu vorhersehbar, die Wechsel von der Komik zur Tragik zur Komik, über surreale Elemente bis hin zum drastischen Schluß, vollziehen sich mechanisch und unaufregend; die Charaktere sind karikiert überzeichnet, aber nur mäßig interessant; Fingerzeige im Drehbuch werden überdeutlich herausgestellt, Gags so lange ausgereizt, bis sie nicht mehr wirklich lustig sind. Das ist schade, denn die Anfangsszene des Films, die in der Jetztzeit spielt – ein Filmteam fährt mit einem Zeitzeugen an den Schauplatz der später retrospektiv erzählten Geschichte – eröffnet fantastische Möglichkeiten, weil sie den erwartungsvollen Zuschauer komplett aufs Glatteis führt. Hier könnte alles beginnen: ein Horrorfilm, eine Geistergeschichte oder ein ambitioniertes Drama im Dogma-Stil. Vielleicht beim nächsten Mal. 2009-11-20 13:34

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