— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte

D 2009. R,B: Birgit Schulz. K: Isabelle Casez, Axel Schneppat. S: Katharina Schmidt. M: Pluramon. P: Bildersturm. 92 Min. Realfiction ab 19.11.09

Vom Rechtsanwalt zum Rechts-Anwalt

Von Constanze Frowein Ausgangspunkt für die Filmidee zu Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte von Birgit Schulz ist eine Fotographie, die dokumentiert, wie Christian Ströbele, heute als das linke Gewissen der Grünen bekannt, und Otto Schily, mittlerweile Innenminister der BRD a.D., Horst Mahler vor Gericht verteidigen. Letzterer saß einst auf der Anklagebank, da er die RAF mit versuchter Waffenorganisation und Molotowcocktails unterstützte. Heute ist Mahler Mitglied der NPD.

Alle drei Anwälte haben Anfang der 1970er Jahre dasselbe Ziel vor Augen gehabt: die deutsche Gesellschaft dabei zu unterstützen, sich von dem unterdrückenden Staat BRD zu befreien. Der Weg dorthin hatte schon damals alle drei deutlich voneinander unterschieden. Diesen Weg legt der Film von Birgit Schulz mit getrennten Interviews der drei Anwälte in einem Gerichtssaal aus. So erzählen alle drei von ihren kindlichen Wurzeln. Die offenen Worte Mahlers, schon als Kind den Wunsch, Politiker werden zu wollen, in der Imitation Hitlers ausgedrückt zu haben, lassen Ansätze einer Erklärung erhoffen, wie Mahler vom RAF-Mitglied zum NPD-Mitglied wurde.
Diese Hoffnung enttäuscht der Film, wenn auch die beiden anderen sich, ehemals mit Mahler im sozialistischen Anwaltskollektiv verbündet, das 1979 aufgelöst wurde, mit Allgemeinplätzen von Mahler distanzieren. Nennt Schily dessen Entwicklung »eine Tragödie«, will sich Ströbele nicht zu Mahler äußern: »Da fehlen mir die Worte«, erklärt der sonst so gesprächige Ströbele knapp. Horst Mahler, wegen Volksverhetzung in diesem Jahr zu sechs Jahren Haft verurteilt, wurde im Juli die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen.

Durchaus bietet Schulze mit Die Anwälte die Möglichkeit, die drei Viten dreier Männer zu vergleichen, die einst alle die Freiheit des Einzelnen als Grundgedanken verfolgten. Leider bedeutet der auf die 70er Jahre konzentrierte Blick auf die Anwälte aber keine detaillierte Betrachtung dessen, was die drei später immer weiter voneinander entfernt hat, was zum Beispiel Schily zum Versessenen einer Hochsicherheit der Innenpolitik machte und den Hegel-belesenen Mahler zum rechtsextremen Holocaustleugner. Der Film bietet viele Ansätze, die leider zu wenig politisches Statement bedeuten oder zu wenig unangenehme Details aus Mahlers Werdegang wagen: Einen Rechtsextremen sprechen zu lassen, muß ja nicht bedeuten, ihm recht zu geben. 2009-11-18 11:27
© 2012, Schnitt Online

Sitemap