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2012

USA 2009. R,B: Roland Emmerich. B,M: Harald Kloser. K: Dean Semler. S: David Brenner, Peter S. Elliot. M: Thomas Wanker. P: Columbia Pictures. D: John Cusack, Amanda Peet, Chiwetel Ejiofor, Thandie Newton, Oliver Platt, Woody Harrelson, Danny Glover, Morgan Lily u.a.
158 Min. Sony Pictures ab 12.11.09

Vom Erdboden verschluckt

Von Oliver Baumgarten R.E.M.s »It’s the End of the World as We Know It« tönt am Beginn von Roland Emmerichs Independence Day aus den Lautsprechern eines Autos als wenig subtile Andeutung dessen, was im Laufe des Films der Menschheit drohen wird. 13 Jahre später wäre in Emmerichs neuem Film so manch einer echt froh über eine kleine Alien-Invasion angesichts der Naturgewalten, die Emmerich und sein Koautor Harald Kloser über die Erde hereinbrechen lassen.

Emmerich hat mit 2012 das Genre des klassischen Katastrophenfilms zu einem vorläufigen Endpunkt geführt. Mehr zerstören kann man in einem einzigen Film eigentlich nicht, und auch die Bedrohung, die 2012 für die Menschheit bereithält, ist größer nicht vorstellbar. Immerhin geht es um nicht weniger als die komplette Umformung der Erdkruste, sodaß große Teile der Zivilisation zunächst buchstäblich von der Erde verschluckt und der Rest dann von einer Sintflut weggespült wird. 2009 finden Forscher heraus, daß diese geologischen Umwälzungen bevorstehen, drei Jahre später dann geschieht es – gerade Zeit genug, um ein paar gigantische Archen zu bauen, auf der natürlich nur jener Bruchteil der Weltbevölkerung Platz findet, der über genug Macht und Geld verfügt. Jackson Curtis, verkannter Romanautor, verkappter Humanist und außerdem gespielt von John Cusack, hat nichts von beidem, dafür aber eine Familie. Der Rest des Plots dürfte damit klar sein.

Der Katastrophenfilm ist ein Genre, das schon immer eher in unsicheren Zeiten zur Blüte gereifte, weil es Angst und Unbehagen thematisiert und stets verfehltes moralisches Handeln geißelt. Erst angesichts der Ohnmacht gegenüber einer Naturgewalt läßt sich so richtig die Bedeutung von Moral und Werten für die Gesellschaft exemplarisch darstellen – das war zum Beispiel besonders Mitte der 1970er Jahre gefragt, als die Amerikaner fassungslos die Unmoral ihres obersten Souverän Nixon entdeckten. In der Folge mußten zahllose feige und unlautere Figuren den höllischen Feuertod in Flammendes Inferno sterben oder wurden von herabstürzenden Häuserteilen in Erdbeben erschlagen. Daß Roland Emmerich ausgerechnet jetzt den Weltuntergang inszeniert und damit die Mutter des Katastrophenfilms, ist also sicher kein Zufall, sondern entfaltet bei entsprechender Lesart gar einen wunderbar ironischen Kommentar auf die als so ungeheuer bewertete Weltwirtschaftskrise. Die nämlich begann in den USA mit einem Crash des Immobilienmarktes, der dazu führte, daß nicht wenigen Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen wurde – ein Bild, das sich in gewaltiger Wucht in 2012 mehrfach wiederfindet, wenn sich die Erde auftut und einfach alles verschluckt. Es sind gigantische Bilder der Zerstörung, die Emmerich und Kameramann Dean Semler da komponieren, wahre Panoramen der Destruktion, Höllenbildnissen gleich, detailverliebt, beängstigend und gleichsam von nie gesehener Ästhetik. Sie zeichnen eine Endzeitvision, die in all der dahinterliegenden Grausamkeit auch ein gehöriges Stück Lust birgt daran, alles dem Erdboden gleichzumachen und Hoffnung in einen Neuanfang zu setzen. Das ist es ja auch, was während der Krise immer wieder vom Kapitalismus gefordert wurde: einen Wandel zu vollziehen, einen Neuanfang, die Krise als Chance zu nutzen, sich hin zu sozialen Systemen zu bewegen. Doch es ist bei Emmerich wie in der Realität: Die Großkopferten überleben, und nichts ändert sich. Bis John Cusacks Figur, der Humanist und Moralist, am Ende alle an ihre Menschlichkeit erinnert.

Das ist eben Hollywood, und Emmerich beherrscht Hollywood mittlerweile meisterlich. Nach dem allerdings komplett uninspirierten und mißlungenen 10.000 B.C. verquickt er nun die Endzeitstimmung aus Independence Day mit dem bedrohlichen Szenario aus The Day After Tomorrow, in dem sich ja die Natur bereits kräftig zu wehren begonnen hatte, zu einem Stück Überwältigungskino, wie es mit einer solchen Lust an optischer Opulenz selbst unter Hollywoodblockbustern selten ist. Womit mal wieder bewiesen wäre: Die Abbruchbranche ist krisensicher. 2009-11-13 17:59

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