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Wenn Ärzte töten – Über Wahn und Ethik in der Medizin

D 2009. R,B,K,S: Wolfgang Richter. R: Hannes Karnick. M: Jan Tilman Schade. P: docfilm.
90 Min. W-film ab 3.12.09

Erinnern und Vergessen

Von Matthias Wannhoff Das menschliche Bemühen, Dinge vor dem Vergessen zu bewahren, war stets ein wesentlicher Motor der Mediengeschichte. Ob dabei nun von einem »kulturellen« oder aber vom »biologischen« Gedächtnis die Rede ist, spielt keine Rolle. So dürfte spätestens seit Christopher Nolans Memento klar sein, daß Erinnerungskulturen und Opfer anterograder Amnäsie dem gefürchteten Gedächtnisverlust auf ein und dieselbe Weise vorzubeugen haben: durch Schriftstücke, Fotographien oder eben Filmrollen. Vergangenheitsbewältigung, etwa mit Blick auf den Nationalsozialismus, erscheint damit nicht zuletzt als stetige Exegese von Archivmaterial. Es sei denn, an der Stelle des Erkenntnisinteresses klafft eine Lücke im Archiv – dann bleibt für den Historiker, falls er mit der Gnade einer nicht allzu späten Geburt gesegnet ist, bloß noch die Option des Zeitzeugeninterviews.

Die Rolle deutscher Ärzte im Dritten Reich war lange Zeit ein blinder Fleck der NS-Forschung, bis der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton im Jahr 1986 in einer groß angelegten Studie Licht auf die dunkle Vergangenheit seiner Zunft warf: Für »The Nazi Doctors: Medical Killing and the Psychology of Genocide« führte der Harvard-Forscher zahlreiche Gespräche mit Tätern und Überlebenden, um die Schlüsselfunktion nachzuzeichnen, die Medizinern zwischen 1933 und 1945 im nationalsozialistischen Großprojekt namens »Rassenhygiene« zukam – angefangen bei Zwangssterilisationen bis hin zur selbsttätigen Bedienung des Gashahns in den Konzentrationslagern. Liftons Text kann als Standardwerk zum Thema angesehen werden – umso verwunderlicher, daß nun mit Wenn Ärzte töten ein Film in die Kinos kommt, der nichts anderes tut, als den Wissenschaftler seine mehr als 20 Jahre alten Thesen referieren zu lassen.

Der filmische Minimalismus, mit dem die Regisseure arbeiten, stößt dabei weniger negativ auf als das methodische Dilemma, welches dieser Ästhetik zugrunde liegt: Lifton, wie er hinter seinem Schreibtisch sitzt und erzählt; dazu recht unmotivierte Aufnahmen der Brandung vor seiner Privatresidenz in Cape Cod – viel mehr bekommt der Kinogänger nicht zu sehen. Mögen die beiden Filmemacher Karnick und Richter als Grund für diese Herangehensweise auch angeben, daß in den Archiven fast ausschließlich aus Täterperspektive gedrehtes Material lagert; am Ende zählt das filmische Produkt, und dieses kann im Falle von Wenn Ärzte Töten den Ansprüchen seriöser Geschichtsschreibung einfach nicht genügen. Ein redundanter Medientransfer, der an der blanken Vielzahl seiner Vermittlungsebenen scheitert, indem er einen Wissenschaftler Gespräche erinnern läßt, die dieser vor rund einem Vierteljahrhundert geführt hat: Mit Mißtrauen beäugt man diesen Dokumentarfilm, der Wissenschaft verfilmen will, aber nicht als Dokument taugt.

Zwar verbietet das zwischen Lifton und seinen damaligen Gesprächspartnern ausgesprochene Gebot der Vertraulichkeit, in Bezug auf die Zeitzeugenschaft präziser zu werden. Etwas mehr hätte man jedoch schon erwarten können von Wenn Ärzte töten als vornehmlich Anekdotisches, zumal Lifton in seinem Buch die Aussagen der Interviewten mit Erkenntnissen aus Akten sowie Forschungsliteratur unterfüttert, um davon ausgehend eine Theorie namens »Dopplung« zu entwickeln, die Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse miteinander verbindet. Dieses Konzept, demzufolge Menschen unter dem Druck historischer Extremsituationen über einen Prozeß der Ich-Spaltung dazu befähigt sind, sich von den eigenen Gräueltaten zu distanzieren, verkommt im Film jedoch zum bloßen Stichwort. Die sogenannte Moral ersetzt schließlich, so hart es auch klingen mag, kühne Diagnose durch Allgemeinplätze: Im Menschen schlummere eine Anlage zum Bösen, die in Kombination mit der entsprechenden Ideologie sowie einer zerstörerischen Hochtechnologie jederzeit eskalieren kann. Verschwindend gering ist also der Erkenntnisgewinn dieses Films, der weniger Forschungsbeitrag ist als ein Forscherporträt, das der Betrachter nach dem Abspann recht bald vergessen haben dürfte. 2009-11-27 11:37

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